Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

576  Fünfter  Teil.  Verkehr.  IV.  Binnen-  und  Seeschiffahrt.

beschäftigte  man  sich  allerdings  mit  ihr  um  ihrer  selbst  willen.  In  den  größeren  Seestädten ­
  aber  bildete  sie  meist  nur  einen  Teil  des  Betriebes  eines  Handlungshauses.
Diese  alten  kleinen  Unternehmungen  der  Reeder  mit  einzelnen  oder  einigen  Schiffen
sind  an  Bedeutung  unablässig  gegenüber  den  sich  mehrenden  großen,  regelmäßigen
Reedereibetri'eben  zurückgegangen.  Angesichts  der  steigenden  Mengen  notwendigen
Kapitals  wählten  letztere  dann  mehr  und  mehr  als  Form  die  Aktiengesellschaft.
Neben  den  alten  Reedereien,  die  die  Schiffahrt  schon  infolge  der  schwankenden
Witterungsverhältnisse  und  Reisedauern  in  mehr  oder  weniger  unregelmäßigen
Zwischenräumen  betrieben  und  vielfach  auch  ihre  Schiffe  je  nach  Bedürfnis  bald  nach
dieser,  bald  nach  jener  Gegend  fahren  ließen,  nahm  die  Einrichtung  fester  Linien,
deren  Schiffe  zu  bestimmten  Zeitpunkten  abfahren,  und  die  eine  oder  mehrere  bestimmte ­
  Verkehrsrichtungen  ausschließlich  betreiben,  ständig  zu;  wie  denn  ja  auch  die
einzelnen  Märkte  der  verschiedenen  Länder  immer  mehr  zu  festen  Abnehmern  bestimmter ­
  Mengen  von  Rohprodukten  und  Fabrikaten  in  übersehbarer  Zeitfolge
wurden.
Die  Zahl  der  von  den  einzelnen  Unternehmungen  beschäftigten  Schiffe  wächst
stetig,  da  sie  ihre  Betriebe  durch  Vermehrung  der  Fahrten  intensiv  und  durch  Hereinbeziehung ­
  neuer  Verkehrsgebiete  extensiv  ausgestalten;  und  die  dauernd  steigende
Gütermenge,  die  bewältigt  werden  will,  gibt  daneben  die  Möglichkeit,  durch  eine  Vergrößerung ­
  der  Schiffsräume  den  Betrieb  billiger  zu  gestalten.  —
Gleich  nach  dem  Kriege  von  1870  fetzt  ein  großer  Aufschwung  ein.  Zahlreiche
Linien  werden  eingerichtet.
Trotz  aller  Rückschläge  in  der  folgenden  schweren  Wirtschaftskrisis  schreitet  die
Entwickelung  der  Reedereien  ins  Große  und,  gemäß  dem  Gesetze  der  Arbeitsteilung,
ins  Spezielle  fort.  Eine  Spezialisierung  nach  den  verschiedenen  Zwecken  des  Gütertransports, ­
  der  Auswandererbeförderung,  des  Postschiffs-  und  Kajütspassagierverkehrs
erweist  sich  als  die  nächste  Notwendigkeit.  —  Mehr  und  mehr  unterscheiden  sich  seit
Anfang  der  achtziger  Jahre  die  wachsenden  transatlantischen  Typen  von  den  kleinen
Fahrzeugen  für  die  europäische  Fahrt,  die  in  ihrer  Bauart  aber  ebenfalls  den
jeweiligen  Zwecken  der  einzelnen  Routen,  für  die  sie  bestimmt  sind,  angepaßt  werden.
So  entstehen  die  mittleren  gemischten  Fracht-  und  Passagierdampfer  für  den  Dienst
zwischen  den  Ostseehäfen  und  Finland,  die  Postdampser  für  Skandinavien,  die  Frachtschiffe ­
  für  das  Mittelmeer  rc.  Im  allgemeinen  aber  bleibt  man  für  die  europäische
Fahrt  noch  länger  bei  den  alten  Typen  und  Gewohnheiten  stehen.  Mittlere  Betriebe
dienen  zur  Bewältigung  des  Verkehrs  in  den  einzelnen  Richtungen.  Abgesehen  von
der  fast  ganz  in  deutschen  Händen  befindlichen  Küstenschiffahrt,  befindet  sich  die
europäische  Fahrt  erheblich  länger  und  in  größerem  Umfange  als  der  überseeische
Schiffsverkehr  in  den  Händen  außerdeutscher  Unternehmer.  —
Nach  Mitte  der  achtziger  Jahre  setzt  die  zweite  große  Periode  des  Aufschwunges
der  Reederei  und  der  Einrichtung  größerer  Linien  ein.
In  der  amerikanischen  Fahrt  tritt  das  Bedürfnis  nach  Einführung  des  Expreßdienstes ­
  mit  vollendet  konstruierten,  ganz  vorwiegend  für  die  Personenbeförderung
bestimmten,  erst  einschraubigen,  dann  Doppelschraubenschnelldampfern  von  über  5000
Registertonnen  Raumgehalt  immer  entschiedener  zutage.  Bisher  hatten  die  Dampfer
ein  Maximum  von  12—13  Seemeilen  in  der  Stunde  erreicht.  Die  Fortschritte  im
Maschinenbau  gestatten  eine  ständige  Vergrößerung  der  Geschwindigkeit,  die  bald  von
16—17  auf  19  Seemeilen  wuchs.  Gleichzeitig  wächst  auch  der  Raumgehalt  der  Frachtdampfer ­
  in  einem  früher  nicht  für  möglich  gehaltenen  Maße.
Auf  diesem  Gebiete  liegt  die  großartigste  Entwicklung,  und  hier  wachsen  jene
Riesenunternehmungen  empor,  die  in  einem  einzelnen  Betriebe  mehr  an  Güter-  und
Passagiertransporten  und  Seemeilenzahl  im  Jahre  leisten  können  als  50  Jahre  zuvor
die  gesamte  deutsche  Reederei.
            
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