Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

8. Die Hamburg-Amerika Linie. 
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meine Wirtschaftskrisen, heftige Konkurrenzfehden mit kraftvollen und geschickten 
Gegnern nicht gefehlt haben, so ist dennoch der gesamte Schritt des Unternehmens 
immer Fortschritt gewesen, die gesamte Finanz- und Wirtschaftsgebarung nach ihren 
prächtigen Früchten als außerordentlich zweckmäßig, kühn und erfolgreich erkenntlich. 
Dabei macht sich niemals marktschreierische Großmannssucht und leichtfertige Unbe 
sonnenheit geltend. Man sehe die heutigen Bilanzen, diese vorsichtige Finanzierungs 
politik an, wo die Reserven und Abschreibungen regelmäßig % der Gewinne aus 
machen; man betrachte die Art und Weise, wie Neuerungen sorgfältig vorbereitet und 
geschickt eingeführt werden: man wird durchaus den Eindruck erhalten, daß die alt 
überkommene Solidität und Vorsichtigkeit der ersten Reedereileiter in allen Erfolgen 
unbedingt erhalten geblieben ist. Ein besonders charakteristisches Merkmal dieser bei 
aller Kühnheit ruhigen und besonnenen Geschäftsklugheit ist die Methode, in der die 
Gesellschaft konkurrierenden Unternehmungen zu begegnen pflegt. Die Hamburg- 
Amerika Linie steht heute im Mittelpunkt einer großartigen viel verzweigten Ver 
tragsfreundschaft, die sie mit deutschen und ausländischen Reedereien auf fast allen 
Gebieten ihrer Tätigkeit verbindet. Immer schlagfertig, immer bereit, ihre gefürchtete 
Macht schnell und nachdrücklich auch im offenen Konkurrenzkampf zu gebrauchen, ist 
sie doch immer geneigter, friedliche Entscheidungen zu Nutz und Frommen der ge 
samten Geschäftslage kriegerischen Gewaltmaßregeln vorzuziehen. Da werden die Be 
zirke konkurrierender Wirksamkeit, Aufträge und Gewinne nach billigen Grundsätzen 
geteilt, Fracht und Passagepreise in gemeinsamen Beratungen festgelegt, Schieds 
gerichte ernannt, Verkehrserleichterungen gemeinsam eingeführt und anderes mehr. 
Auch der Eintritt in ein neues Verkehrsgebiet wird von der Hamburg-Amerika Linie 
in der Regel so vollzogen, daß sie bestehende Unternehmungen ankauft und so in 
vorhandene Rechte und Situationen tritt. Große angesehene Reedereien mit ihrem 
gesamten schwimmenden und festen Inventar, mit allen Geschäftsverbindungen und 
Geschäftseinrichtungen find auf diese Weise im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte 
in die Hände der Hamburg-Amerika Linie übergegangen. 
Noch vor einigen 30 Jahren reichten außer der Direktion ein Dutzend kauf 
männische Beamte im Hamburger Zentralkontor für die Erledigung der laufenden 
Reedereigeschäfte aus. Patriarchalische Zustände herrschten, in denen Antritts- und 
Abschiedsbier der Schiffskapitäne, der Besuch der Horner Rennen Gewohnheit und 
Recht der Angestellten erschien. Ballin war der erste, der ein eigenes Zimmer als 
Privatkontor für sich in Anspruch nahm. Und dann sorgte er für Arbeit. Nahe 
liegende Aufgaben, die bisher von Schiffsmaklern und Agenten besorgt wurden, wan 
delten sich zu eigenen Aufgaben der Gesellschaft um. Der New Parker Passagier- 
verkehr, der New Parker Frachtverkehr wurden in eigene Regie übernommen, ein 
eigenes Heuerbüreau wurde begründet, Abteilung nach Abteilung, Betriebszweig nach 
Betriebszweig erstand um ihn, die einheitlicher, billiger, intensiver nach seinen persön 
lichen Wünschen für die Interessen der Gesellschaft in Einkauf und Verkauf sorgen 
konnten. Heute sitzen weit über 300 Beamte an Stelle jener 12. Ein Riesenfleiß 
zeichnet die führenden Männer vor allem aus; das tiefe Wort: „Genie ist Fleiß" 
paßt auf keinen mehr als auf Ballin selbst. Bis in die Details des Betriebes ist auch 
heute noch, obwohl der Umfang des Geschäftes fo groß geworden ist, die energische 
Hand dieses Mannes gar nicht selten zu spüren. Natürlich wirkt das Vorbild an 
spornend auf Nähe und Ferne. Eine leidenschaftliche Liebe zur Paketfahrt, wie sie 
Ballin beseelt, teilt sich seiner Umgebung mit. Autorität des erfolgreichen Führers 
wirkt mächtig dazu. Kurz, in dieser Beamtenorganifation ist heute ein außerordent 
liches Maß von Verantwortlichkeitsgefühl, eifriger Hingabe und zuverlässiger Pflicht 
treue zu finden. Als im Frühjahr 1906 ein Streik der seemännischen Arbeiterschaft 
mit einer Aussperrung der Schauerleute zusammenfiel und eine gefährliche Stockung 
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