Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

11.  Der  Suezkanal.

585

genügen,  sogar  eine  solche  von  7—10  in  besitzen;  die  Breite  dieser  Wasserwege  und,
wenn  Schleusen  vorhanden  sind,  auch  deren  Größe  muß  entsprechend  sein.
Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daß  solche  künstliche  Seewege  oder  Seekanäle
nur  in  Betracht  kommen,  wenn  es  sich  darum  handelt,  entweder  zwei  Meere  miteinander ­
  zu  verbinden,  meist  mit  dem  Zweck,  die  Fahrt  erheblich  abzukürzen,  oder  das
Meer  möglichst  weit  ins  Binnenland  fortzusetzen  und  dadurch  Binnenorte  direkt  dem
Seeverkehr  zu  erschließen.
Was  die  erste  Art  von  Seekanälen  betrifft,  so  haben  wir  nur  drei,  die  wirklich
diesen  Namen  verdienen:  den  Suezkanal,  den  Nordostseekanal  und  den  Korinther
Kanal.  Das  20.  Jahrhundert  wird  -noch  den  Panamakanal  bringen.  Ob  weitere
Projekte  dieser  Art  sich  erfüllen,  muß  dahingestellt  bleiben.
Der  Suezkanal  ist  der  Bahnbrecher  geworden,  und  mit  immer  neuer  Bewunderung ­
  wird  man  erfüllt,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  wie  er  zustande  gekommen. ­
  Sein  Schöpfer  Ferdinand  Lesseps  war  kein  Ingenieur,  sondern  ein  Diplomat. ­
  29  Jahre  lang  hatte  er  im  Konsulardienst  gestanden,  als  er  gelegentlich  einer
außerordentlichen  Mission  nach  Rom  diesen  aufgab  (1849),  sich  dem  Studium  des
Orients  widmete  und  die  Idee  eines  Seekanals  auf  dem  Isthmus  von  Suez  ernstlich
verfolgte,  eine  Idee,  für  die  er  sich  seit  den  1830er  Jahren,  wo  er  das  Generalkonsulat
in  Alexandria  verweste,  lebhaft  interessierte.  Dieser  war  reif  in  dem  Augenblick,  in
welchem  es  gelungen  war,  den  schon  von  Laplace  und  Fourier  bekämpften  Irrtum,
daß  das  Rote  Meer  9,908  m  höher  liege  als  das  Mittelmeer,  positiv  nachzuweisen.
Das  war  1847.  Man  wußte  nun,  daß  die  Verbindung  möglich  sei  ohne  Schleusen  und
ohne  die  Gefahr,  daß  Unterägypten  überflutet  werde.  Die  St.  Simonisten  in  Frankreich ­
  hatten  die  vorbereitenden  Studien  sehr  gefördert,  wie  auch  einer  der  ihrigen,
Michel  Chevalier,  der  erste  war,  der  einen  direkten  Kanal  mit  Übergehung  des  Nils
anregte  (1844).
Ein  glücklicher  Zufall  wollte  es,  daß  Lesseps,  dessen  Vater  bei  Mehemet  Ali  in
hohem  Ansehen  gestanden  hatte,  seit  früher  Jugend  mit  Said  Pascha  aufs  innigste
befreundet  war.  Dank  dieser  Freundschaft  erhielt  Lesseps  bereits  zwei  Monate  nach
dem  Regierungsantritt  des  Khediven  Said  am  30.  November  1854  die  Konzession
für  den  Kanalbau.
Lesseps  hatte  das  Mißtrauen  der  ganzen  Welt  gegen  sich,  und  es  bedurfte  ungewöhnlicher ­
  Tatkraft,  Ausdauer  und  Klugheit,  um  nicht  zu  erliegen.  Die  Schwierigkeiten, ­
  die  auftauchten,  waren  politischer,  finanzieller  und  technischer  Natur.
In  politischer  Hinsicht  erstand  dem  Unternehmen  sofort  ein  erbitterter
Feind.  England  fühlte  seine  Kolonialmacht  bedroht.  Ein  kürzerer  Weg  nach  Indien,
den  England  nicht  beherrschte,  der  England  von  einer  fremden  Macht  abhängig  machte,
das  war  ihm  ein  unerträglicher  Gedanke.  Die  englische  Regierung  unterließ  nichts,
um  das  Projekt  zum  Scheitern  zu  bringen.  Lord  Palmerston,  der  als  Minister  wie
nach  seinem  Sturz  bis  zu  seinem  Tod  das  Kanalunternehmen  mit  dem  wildesten  Haß
verfolgte,  äußerte  sich  im  Unterhaus  (7.  Juli  1857)  in  der  wegwerfendsten  Weise  über
das  Wagnis,  das  Ganze  fei  ein  Attentat  auf  die  Leichtgläubigkeit  der  Kapitalisten,
nichts  als  eine  Schimäre;  der  berühmte  englische  Ingenieur  Stephenson,  der  Sohn  des
Erfinders  der  Lokomotive,  behauptete  die  Unausführbarkeit,  man  werde  nichts  als
einen  schlammigen,  stagnierenden  Graben  erhalten  und  der  Versandung  der  Einmündung ­
  des  Kanals  in  das  Mittelmeer  nicht  vorbeugen  können.  Bei  der  Pforte
wurden  englischerseits  alle  Hebel  in  Bewegung  gesetzt,  um  sie  zum  Einschreiten  zu  veranlassen, ­
  und  je  nach  der  politischen  Lage  gab  sie  mehr  oder  minder  nach.  Im  Oktober
1859  erschien  eine  türkische  Fregatte  vor  Alexandria,  um  die  Einstellung  der  begonnenen ­
  Arbeiten  zu  verlangen;  ja  sogar  auf  die  Absetzung  des  Khediven  wurde  von
der  englischen  Regierung  in  Konstantinopel  hinzuarbeiten  versucht.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.