Sechster Teil.
Volkswirtschaftliche Zustände
in den Vereinigten Staaten von Amerika.
1. Amerika und die Amerikaner.
Von Wilhelm Oppermann.
Oppermann, Reisebericht jüber nordamerikanisches Wirtschaftslebens. In: Reise
berichte über Nordamerika, erstattet von Kommissaren des Königlich Preußischen Ministers
für Handel und Gewerbe. Nr- 287 der Drucksachen des Hauses der Abgeordneten, 20. Legis
laturperiode, tl. Session, 1905,06. Berlin, Buchdruckerei W. Moeser, 1906. S- 477—480.
Europas Kinder sind in der großen Union am Werke, ein neues Volk, eine
neue Kultur zusammenzuschmelzen. Die Nordamerikaner haben in ihren Adern das
Blut des Angelsachsen, des Schotten, des Iren, des Franzosen, des Deutschen, des
Holländers, Skandinaviers, Italieners, Mayaren, Slawen, Finnen, und aus den
Quellen dieses Blutes fließen ständig neue Ströme in den großen Schmelzkessel hinein,
aus dem sich dereinst ein homogenes Produkt ergießen soll. Noch viele häßliche und
gefährliche Schlacken sind abzuschäumen und abzusondern, bevor ein Erzeugnis ins
Dasein tritt, welches den Anspruch darauf hat, das zu fein, für welches sich der Durch
schnittsamerikaner schon heute hält. Ja, man findet jugendfrische Zuversicht, ein
starkes Nationalgefühl, einen selbstbewußten Stolz und eine fast hochmütige Unter
schätzung der übrigen Welt. Aber lassen wir sie; — jede Nation hat ihre besonderen
Schwierigkeiten, und wenn die Amerikaner die ihrigen, die nicht von geringer Größe
sind, durch ihre übermütige Zuversicht, durch ihre jugendliche Elastizität und durch
ihren praktischen Sinn überwinden, so können wir uns darüber nur freuen. Die
Völker der Erde rücken immer näher aufeinander, und in dem Gedeihen des einen
liegt eine Gewähr für das Gedeihen des anderen.
Wer in Deutschland aufgewachsen und in deutschen Schulen groß geworden ist,
der wird, wenn er heute aus gedeihlichen deutschen Verhältnissen herausgerissen und
auf Nordamerikas Boden verpflanzt wird, sich in 99 von 100 Fällen höchst unbehag
lich fühlen müssen. Die amerikanischen Städte und Siedlungen sind so unvergleichbar
fremdartig gestaltet und würden unseren Ansprüchen so wenig entsprechen, daß schon
die Grundbedingung eines behaglichen Daseins nicht erfüllt werden könnte. Und wie
viel mehr sind all die übrigen Dinge abweichend, die uns umgeben. — Die ameri
kanische Landschaft ist stumm, der Gesang der Menschen schweigt ebenso wie der der
Vögel. Die Erholungsstätten sind gering an Zahl; sie bieten mäßige Unterkunft, und
schlechte Wege und mangelhafte Verkehrsmittel erschweren ihre Zugänglichkeit. Auch
Einrichtungen für weltliche Vergnügungen, abgesehen von Sportspielen, sind überaus