590
Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
sparsam. Es herrscht eine gewisse Freudlosigkeit, — und es gibt so vieles, was wir
zu den Annehmlichkeiten des Lebens rechnen, was wir drüben aber entbehren würde».
Ja, aber die freiheitliche amerikanische Regierungsform, die vielgepriesene
amerikanische Freiheit, bietet sie nicht — wird man fragen — auf der einen Seite,
was auf der anderen fehlt? Ich habe nirgends gefunden, daß in diesem freien Lande
jeder tun und lassen könnte, was er will. Im Reglementieren wird in den einzelnen
Bundesstaaten nicht weniger geleistet als in europäischen Ländern, nur steht die Sorg
falt in der Handhabung der Gesetze im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Zahl. und
die ausführenden Beamten — das darf ja als eine bekannte Tatsache gelten — sind
nicht immer der Beeinflussung unzugänglich. So spielt denn, um nur das Augen
fälligste zu berühren, der Policeman eine erheblich größere Rolle als bei uns, und sein
an Selbstherrlichkeit grenzendes Regiment wird sich wahrscheinlich öfter nach der
metallischen Beeinflussung richten, die in der Union eine große Rolle spielt. Mit
überzeugungsernster Miene sagte mir ein angesehener Amerikaner: „Es wird bei
Ihnen zu Lande gewiß doch so sein wie bei uns, daß die Gesetze nur auf die Besitzlosen
angewendet werden." Die Wählbarkeit der Beamten und die vierjährige Wahl
periode haben Zustände geschaffen, die dem amerikanischen Verwaltungssystem einen
recht bedenklichen Anstrich geben. Korruption in Gesetzgebung und Verwaltung sind
in den Vereinigten Staaten üble Krebsschäden des öffentlichen Lebens. Besonders
häufig und groß ist die Korruption in den Stadtverwaltungen. Viele Stadtväter
verkaufen ihren Einfluß und ihre Stimmen, wo sich dazu Gelegenheit bietet. Am
meisten Geld wird verdient, wenn es große Kontrakte, Rechte und Privilegien der
Stadtgemeinde an Privatgesellschaften zu verschachern gibt.
Wer könnte wohl zweifeln, daß unsere deutschen Zustände in diesen Dingen un
gleich besser und lauterer sind, und daß der deutsche Bürger mit ungleich wirksameren
Rechtsgarantien umgeben ist als der freie amerikanische Bürger? Man mag über
unser System der polizeilichen Bevormundung denken, wie man will, das eine steht
sicher fest, daß seine Schattenseiten nicht entfernt an die dunkeln Seiten heranreichen,
die das amerikanische System mit sich bringt. Daß sich das letztere auch nach der
kulturellen Seite keineswegs überall als ideale Kraft bewährt hat, und daß es Keime
zersetzender Kraft in sich trägt, beweist die Tatsache, daß die Bevölkerung ganzer
Gemeinwesen und Gegenden durchaus rückständig geblieben ist, wie es die weitgehende
Sektiererei, Teufelsaustreibungen, Tieropfer und sonstiger krasser Aberglaube in die
Erscheinung bringt. Darüber kann jedenfalls kein Zweifel bestehen, daß die ameri
kanische Kultur eine nicht unbeträchtliche Last in zahlreichen rückständigen Elementen
mitzuschleppen hat. Aber auch dieser Schwierigkeiten wird das junge Land Herr
werden.
Äußerlich gibt die demokratische Verfassung dem amerikanischen Völkergewoge
eine große Gleichwertigkeit, sie stellt es gewissermaßen auf gleichen Pegelstand ein.
Jeder hält sich mit seinem Nebenmenschen für gleichwertig, und er benimmt sich dem
entsprechend. Jedem steht der Weg zu den höchsten Stellungen offen; auf diesem
Wege kommt weder seine Bildung noch seine Beschäftigung in Betracht. Die Stellung
des Mannes im wirtschaftlichen und politischen Leben hängt lediglich von den klingen
den Erfolgen ab, die er erzielt. Sieht man aber aus seine gesellschaftliche Stellung,
so wird man mit Überraschung gewahr, daß sich zwischen den nach unseren Begriffen
gebildeten Menschen und der großen Masse der übrigen Menschen eine scharfe Ab
trennung vollzieht, die ganz eigenartige Formen annimmt und noch erheblich weiter
geht als in unserem Beamten- und Militärstaate. Die Klubs sind ganz peinlich
exklusiv, und nach oben sondern sich immer kleinere und exklusivere ab. Die großen,
zur Gesellschaft zählenden Milliardäre sind fast unnahbar, und die Mittel, die sie an
wenden, um ihre Abgeschlossenheit aufrecht zu erhalten, entbehren nicht der Komik.