Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

sparsam.  Es  herrscht  eine  gewisse  Freudlosigkeit,  —  und  es  gibt  so  vieles,  was  wir
zu  den  Annehmlichkeiten  des  Lebens  rechnen,  was  wir  drüben  aber  entbehren  würde».
Ja,  aber  die  freiheitliche  amerikanische  Regierungsform,  die  vielgepriesene
amerikanische  Freiheit,  bietet  sie  nicht  —  wird  man  fragen  —  auf  der  einen  Seite,
was  auf  der  anderen  fehlt?  Ich  habe  nirgends  gefunden,  daß  in  diesem  freien  Lande
jeder  tun  und  lassen  könnte,  was  er  will.  Im  Reglementieren  wird  in  den  einzelnen
Bundesstaaten  nicht  weniger  geleistet  als  in  europäischen  Ländern,  nur  steht  die  Sorgfalt ­
  in  der  Handhabung  der  Gesetze  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  ihrer  Zahl.  und
die  ausführenden  Beamten  —  das  darf  ja  als  eine  bekannte  Tatsache  gelten  —  sind
nicht  immer  der  Beeinflussung  unzugänglich.  So  spielt  denn,  um  nur  das  Augenfälligste ­
  zu  berühren,  der  Policeman  eine  erheblich  größere  Rolle  als  bei  uns,  und  sein
an  Selbstherrlichkeit  grenzendes  Regiment  wird  sich  wahrscheinlich  öfter  nach  der
metallischen  Beeinflussung  richten,  die  in  der  Union  eine  große  Rolle  spielt.  Mit
überzeugungsernster  Miene  sagte  mir  ein  angesehener  Amerikaner:  „Es  wird  bei
Ihnen  zu  Lande  gewiß  doch  so  sein  wie  bei  uns,  daß  die  Gesetze  nur  auf  die  Besitzlosen
angewendet  werden."  Die  Wählbarkeit  der  Beamten  und  die  vierjährige  Wahlperiode ­
  haben  Zustände  geschaffen,  die  dem  amerikanischen  Verwaltungssystem  einen
recht  bedenklichen  Anstrich  geben.  Korruption  in  Gesetzgebung  und  Verwaltung  sind
in  den  Vereinigten  Staaten  üble  Krebsschäden  des  öffentlichen  Lebens.  Besonders
häufig  und  groß  ist  die  Korruption  in  den  Stadtverwaltungen.  Viele  Stadtväter
verkaufen  ihren  Einfluß  und  ihre  Stimmen,  wo  sich  dazu  Gelegenheit  bietet.  Am
meisten  Geld  wird  verdient,  wenn  es  große  Kontrakte,  Rechte  und  Privilegien  der
Stadtgemeinde  an  Privatgesellschaften  zu  verschachern  gibt.
Wer  könnte  wohl  zweifeln,  daß  unsere  deutschen  Zustände  in  diesen  Dingen  ungleich ­
  besser  und  lauterer  sind,  und  daß  der  deutsche  Bürger  mit  ungleich  wirksameren
Rechtsgarantien  umgeben  ist  als  der  freie  amerikanische  Bürger?  Man  mag  über
unser  System  der  polizeilichen  Bevormundung  denken,  wie  man  will,  das  eine  steht
sicher  fest,  daß  seine  Schattenseiten  nicht  entfernt  an  die  dunkeln  Seiten  heranreichen,
die  das  amerikanische  System  mit  sich  bringt.  Daß  sich  das  letztere  auch  nach  der
kulturellen  Seite  keineswegs  überall  als  ideale  Kraft  bewährt  hat,  und  daß  es  Keime
zersetzender  Kraft  in  sich  trägt,  beweist  die  Tatsache,  daß  die  Bevölkerung  ganzer
Gemeinwesen  und  Gegenden  durchaus  rückständig  geblieben  ist,  wie  es  die  weitgehende
Sektiererei,  Teufelsaustreibungen,  Tieropfer  und  sonstiger  krasser  Aberglaube  in  die
Erscheinung  bringt.  Darüber  kann  jedenfalls  kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  amerikanische ­
  Kultur  eine  nicht  unbeträchtliche  Last  in  zahlreichen  rückständigen  Elementen
mitzuschleppen  hat.  Aber  auch  dieser  Schwierigkeiten  wird  das  junge  Land  Herr
werden.
Äußerlich  gibt  die  demokratische  Verfassung  dem  amerikanischen  Völkergewoge
eine  große  Gleichwertigkeit,  sie  stellt  es  gewissermaßen  auf  gleichen  Pegelstand  ein.
Jeder  hält  sich  mit  seinem  Nebenmenschen  für  gleichwertig,  und  er  benimmt  sich  dementsprechend. ­
  Jedem  steht  der  Weg  zu  den  höchsten  Stellungen  offen;  auf  diesem
Wege  kommt  weder  seine  Bildung  noch  seine  Beschäftigung  in  Betracht.  Die  Stellung
des  Mannes  im  wirtschaftlichen  und  politischen  Leben  hängt  lediglich  von  den  klingenden ­
  Erfolgen  ab,  die  er  erzielt.  Sieht  man  aber  aus  seine  gesellschaftliche  Stellung,
so  wird  man  mit  Überraschung  gewahr,  daß  sich  zwischen  den  nach  unseren  Begriffen
gebildeten  Menschen  und  der  großen  Masse  der  übrigen  Menschen  eine  scharfe  Abtrennung ­
  vollzieht,  die  ganz  eigenartige  Formen  annimmt  und  noch  erheblich  weiter
geht  als  in  unserem  Beamten-  und  Militärstaate.  Die  Klubs  sind  ganz  peinlich
exklusiv,  und  nach  oben  sondern  sich  immer  kleinere  und  exklusivere  ab.  Die  großen,
zur  Gesellschaft  zählenden  Milliardäre  sind  fast  unnahbar,  und  die  Mittel,  die  sie  anwenden, ­
  um  ihre  Abgeschlossenheit  aufrecht  zu  erhalten,  entbehren  nicht  der  Komik.
            
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