Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Amerika  und  die  Amerikaner.

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Mir  ist  erzählt  worden  ■—  von  glaubwürdiger  Seite  —,  daß  ein  solcher  Herr  auf  der
Ozeanfahrt  seine  gegenüber-  und  nebenliegenden  Plätze  im  Speisesaal  erkauft  hatte,
damit  sich  keiner  an  ihn  herandrängen  könnte.  Das  starke  Mißtrauen,  welches  sich
durch  dieses  Abschließen  in  den  Kreisen  der  weitaus  in  der  Mehrheit  sich  befindenden
gebildeten  Amerikaner  zu  erkennen  gibt,  und  von  welchem  sich  auch  der  Reisende  zu
seinem  Unbehagen  oftmals  umgeben  sieht,  ist  ein  Zeichen  dafür,  wie  wenig  man  in  den
Vereinigten  Staaten  der  Ehrlichkeit  seiner  Mitmenschen  traut,  —  oder  wie  man  sich
ihren  vor  keiner  Schranke  Halt  machenden  Zudringlichkeiten  zu  entziehen  sucht.
Der  Nordamerikaner  —  ich  habe  bei  dieser  Charakterisierung  weniger  die  verschwindend ­
  kleine  Zahl  der  nach  unseren  Begriffen  Gebildeten  im  Auge  —  ist  nur  in
nationalen  Dingen  ein  Schwärmer  und  Phantast,  im  übrigen  ist  er  ein  trockener
Zahlen-  und  Tatsachenmensch.  Der  Erundzug  des  Wesens,  der  durch  das  englische
Volk  geht,  hat  offenbar  der  amerikanischen  Nation  einen  starken  Stempel  aufgedrückt,
und  dieser  Einfluß  wirkt  auf  all  die  Völkermengen  noch  täglich  ein,  die  an  den  Gestaden ­
  der  Vereinigten  Staaten  landen.  Die  kaltblütige  Ruhe  und  Geduld,  mit  welcher
der  Amerikaner  Unangenehmes  und  Unvermeidbares  erträgt,  beispielsweise,  wenn  er
auf  einer  kleinen  Station  stundenlang  aus  einen  verspäteten  Zug  warten  muß,  erinnert
recht  lebhaft  an  das  gleichartige  englische  Wesen.  Hat  man  sich  damit  versöhnt,  daß
der  Amerikaner  viele  kleine  Aufmerksamkeiten  des  täglichen  Lebens,  die  uns  zur
zweiten  Natur  geworden  sind,  als  unnütze  Umständlichkeiten  vernachlässigt,  und  daß
er  in  unseren  Augen  einen  großen  Mangel  an  äußerlicher  Höflichkeit  zeigt,  so  findet
man  an  ihm  höchst  schätzenswerte  Seiten.  Er  hat  einen  regen,  klugen  Geist,  er  hat
eine  große  Unternehmungslust,  einen  ausgeprägten  Erwerbssinn  und  ist  dabei  doch
nicht  kleinlich  und  krämerhaft.  Wenn  der  Durchschnittsamerikaner  von  den  Verhältnissen ­
  anderer  Länder  nur  sehr  wenig  kennt,  da  er  aus  seinem  großen  Lande  nicht
herauskommt,  und  da  er  meistens  wohl  nicht  das  Bedürfnis,  vielleicht  auch  nicht  die
Zeit  hat,  sich  neben  seiner  prakttschen  Tätigkeit  geistig  zu  beschäftigen,  so  kennt  er  dagegen ­
  sein  eigenes  Land  gut,  und  in  allen  Berufsständen  ist  er  leicht  geneigt,  es  von
einem  Ende  zum  anderen  zu  durchqueren,  um  für  einen  aufgegebenen  Erwerb  eine
neue  Erwerbsquelle  zu  erschließen.
Man  wird  verstehen  können,  daß  der  Amerikaner,  der  weiter  nichts  von  der
Welt  als  einen  Teil  seines  riesigen  Heimatlandes  gesehen  hat,  der  festen  Überzeugung
ist,  das  das  Beste  und  Großartigste  in  der  Welt  nur  dasjenige  ist,  was  er  bei  sich  zu
Lande  sieht.  Die  ganze  Erziehung,  der  ganze  Grundton  des  nationalen  Denkens,
Wünfchens  und  Handelns  liegt  einzig  und  allein  auf  dieser  Linie.  Wenn  einem
Reisenden  daher  vom  ersten  Tage  seiner  Ankunft  überall  Amerikanisches  mit  der
Empfehlung  „the  best  in  the  world“,  „the  biggest  in  the  world“,  „the  largest  in
the  world“  angepriesen  wird,  so  darf  er  sich  darüber  nicht  ärgern,  —  die  Amerikaner
müssen  ja  mit  Naturnotwendigkeit  durch  solche  Phrasen  eine  unbewußte  Selbsttäuschung ­
  begehen.
Die  gebildeten  Amerikaner  unterscheiden  sich  —  wie  das  überall  in  der  Welt
bei  Gebildeten  der  Fall  ist  —  von  den  Gebildeten  der  europäischen  Kulturvölker  sehr
viel  weniger,  als  es  die  großen  Massen  tun.  Wo  man  solche  Amerikaner  trifft,  die
den  Atlantik  gekreuzt  haben,  da  fühlt  man,  wie  die  Unterschiede  noch  viel  mehr  zusammenschrumpfen; ­
  sie  halten  sich  frei  von  dem  üblichen  Reklameton,  sie  sind  sich  darüber ­
  im  klaren,  wo  in  ihrem  Lande  wunde  Stellen  sind,  und  sie  wissen,  Fremdes  nach
Gebühr  zu  würdigen  und  zu  schätzen.
Jetzt,  wo  ich  dies  alles  gehört,  gesehen  und  erlebt  habe,  da  verstehe  ich  auch,
warum  die  großen  europäischen  Schiffsgesellschaften  so  viele  reiche  Amerikaner
zwischen  hüben  und  drüben  befördern  müssen.  Die  Amerikaner  suchen  und  finden
eben  in  Europa  so  viele  Annehmlichkeiten,  die  drüben  nicht  erreichbar  und  nicht  vor-
            
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