Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

596  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

im  Fall  des  Erfolgs  die  großen  Vermögen,  die  übrigens  nicht  selten  von  den  Besitzern ­
  mit  königlicher  Hand  wieder  gemeinnützigen  Zwecken  zugeführt  werden.  Als
ein  erfreuliches  Symptom  ist  anzusehen,  daß  diese  Riesenfchenkungen  nicht  minder  wie
kleinere  Gaben,  abgesehen  von  den  Werken  reiner  Nächstenliebe,  in  beträchtlichem  Umfang ­
  der  Förderung  des  Unterrichts  und  der  Wissenschaften  gewidmet  werden.
Wie  der  Entfaltung  des  Wirtschaftslebens  nirgends  Fesseln  angetan  sind,  so
besteht  auch  im  Verkehr  der  Menschen  untereinander  die  größte  Bewegungsfreiheit,
allerdings  oft  in  uns  befremdlichen  Formen.  Zwischen  den  jeweiligen  Machthabern
und  dem  Volk  hat  sich  naturgemäß  ein  ganz  anderer  Zusammerihang  ergeben  als  in
den  Monarchien;  und  da  drüben  noch  alles  neuer  ist,  so  möchte  ich  behaupten,  sogar
noch  weit  freier  und  undisziplinierter  als  in  den  Republiken  der  Alten  Welt.
Daß  der  „Respekt  vor  der  Autorität"  in  den  Vereinigten  Staaten  nicht  übermäßig ­
  ausgebildet  ist,  kann  nach  dem  eben  Gesagten  kaum  wundernehmen.  Das  läßt
auch  ein  freundliches  Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  nicht  recht
aufkommen.  Es  machte  einen  eigentümlichen  Eindruck  auf  mich,  als  ich  in  den
„Union  Iron  Works"  in  San  Francisco  mit  dem  Schöpfer  dieser  Werke,  Irving
Scott,  durch  die  Umgebung  der  Anlagen  ging  und  wahrnahm,  daß  von  allen  den  Arbeitern, ­
  die  wir  auf  dem  Weg  zum  Mittagessen  trafen,  kaum  einer  seine  Mütze  vor
dem  in  Ehren  ergrauten  Manne  zog,  der  eine  Zierde  des  amerikanischen  Gewerbefleißes ­
  ist.  Und  sie  kannten  alle  Irving  Scott!  Anderseits  werden  Pensionen  und
Ruhegehälter  in  geschäftlichen  Betrieben  nur  in  den  seltensten  Fällen  gewährt.  Wer
nicht  mehr  im  vollen  Umfang  zu  arbeiten  vermag,  —  selbst  wenn  er  in  dem  gleichen
Betrieb  alt  geworden  ist  —  muh  gehen;  rücksichtslos  erhält  er  seinen  Laufpaß,  er  hat
jüngeren  Kräften  zu  weichen,  die  arbeitsfähiger  sind.  So  erfordert  es  das  Interesse
des  Geschäfts,  und  etwas  anderes  darf  nicht  in  Frage  kommen.  „Hilf  dir  selbst",
so  heißt  es  auch  hier.  „Wir  haben  gute  Löhne  und  Honorare  gezahlt,  —  davon
hätte  genügend  zurückgelegt  und  für  Alters-  und  Lebensversicherungsprämien  verwandt ­
  werden  können".  In  den  Bank-  oder  Jnduftriegesellfchaftsbilanzen  habe  ich,
soweit  ich  mich  entsinne,  Pensionsfonds  für  Beamte  gleichfalls  nicht  gefunden.  Einige
größere  Eifenbahngefellschaften  beginnen  allerdings  mit  der  Einrichtung  von  Pensionsanstalten. ­
  Das  sind  aber  zunächst  Ausnahmen.  Gemeinsame  Festlichkeiten  der
Arbeitgeber  mit  den  Arbeitnehmern  aus  Anlaß  eines  besonderen  Gedenktages  gehören
zu  den  größten  Seltenheiten.  Zwei  Gruppen  stehen  sich  in  dem  Arbeitgebertum  und
in  der  Arbeiterschaft  gegenüber,  —  ohne  innere  Zusammengehörigkeit  und  ohne
„Respekt  vor  der  Autorität"  —  jede  Partei  bestrebt,  so  viel  zu  gewinnen,  wie  nur
immer  möglich  ist.
Man  muß  aber  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  bei  der  Arbeit  selbst  gesehen
haben,  um  begreiflich  zu  finden,  daß  es  leisten  konnte,  was  es  geleistet  hat  und  zu
leisten  fortfährt.  Maschinen  überall,  um  im  Großen  zu  schaffen,  und  die  Arbeitsteilung ­
  so  sehr  durchgeführt,  daß  schließlich  der  Mensch  selbst  entweder  zur  Maschine
oder  zum  Aufseher  einer  Maschine  geworden  ist.  Im  Gegensatz  zu  Europa,  wo  in
langem  geschichtlichen  Werdegang  die  selbständige  Individualität  eine  der  schönsten
und  edelsten  Blüten  der  Ausbildung  war,  hatte  in  den  Vereinigten  Staaten  ursprünglich ­
  die  seltsame  Paarung  von  Freiheit  und  harter  wirtschaftlicher  Notwendigkeit,  die
wunderliche  Verbindung  einer  menschliche  Satzungen  nur  in  beschränktestem  Umfang
kennenden  und  anerkennenden  Selbstwilligkeit  nüt  rücksichtslosem  Zielbewußtsein
dahin  geführt,  daß  ein  Volk  von  selbstherrlichen  Individuen  bei  der  schaffenden  Tätigkeit ­
  auf  alles  Eigensein  verzichtete  und  sich  ganz  und  gar  in  den  Dienst  des  Arbeitszweckes ­
  stellte.  Wo  es  möglich  ist,  die  Arbeit  in  einzelne  Handgriffe  zu  zerlegen,  da
wird  der  einzelne  Handgriff  zum  Beruf  gemacht,  weil  damit  eine  Übung  gewonnen
wird,  die  eine  größere  Sicherheit  in  diesem  Handgriff  gibt,  und  seine  häufigere  Wie-
            
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