608 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
auf Gesundheit und Kraft des Körpers niemals hinter der Fürsorge für die geistige
Entwicklung zurückstehe. Daher der volle freie Schultag (Sonnabend), das Verbot
der häuslichen Arbeiten, die Beschränkung auf 5 Unterrichtsstunden usw. Ein deutscher
Knabe, der eine gute Volksschule mit gutem Erfolge durchgemacht hat, wird dem
Amerikaner, welcher die Grammarschule verläßt, wahrscheinlich überlegen sein, noch
größer wird die Überlegenheit eines guten Gymnasialabiturienten sein gegenüber dem
Amerikaner, der die Hochschule durchgemacht hat.*) Nehmen wir aber die Massen und
fragen wir uns nach dem Bildungsstande des Durchschnittsschülers, der Millionen, die
die Volksschulen besuchen, dann dürfte das Bild ein ganz anderes werden. Sowohl
in Kenntnissen, als auch in Gewandtheit bei der Anwendung, noch mehr aber in
Willenskraft, Selbständigkeit im Denken und Handeln, klarem Blick und Verständnis
für die Anforderungen und Lagen des praktischen Lebens wird der amerikanische
Knabe — und wahrscheinlich noch viel mehr das amerikanische Mädchen — unsern
deutschen Kindern bei weitem überlegen sein, und ich bin der Meinung, daß trotz un
serer längeren Erfahrung und der besseren Durchbildung unserer Methoden wir doch
dem amerikanischen Erziehungssystem manche Anregung und Belehrung entnehmen
könnten und sollten. Wenn man sieht, wie die Kinder durchweg frisch und lebhaft
dem Unterricht folgen (freilich in Haltung und Betragen von einer Ungeniertheit, die
uns sehr fremdartig anmutet), wenn man hört, wie die Lehrer und die Lehrerinnen
sich freuen über das Verhältnis zu ihren Schülern, wie sie stolz darauf sind, daß eine
große Zahl die Schule liebt und ihrer Liebe und Verehrung für sie auch häufig noch
nach langen Jahren Ausdruck gibt, wenn man sieht, mit welcher Energie die jungen
wie die älteren Kreise an ihrer Weiterbildung arbeiten, wie die Fortbildungsschulen,
Vorlesungen, Bibliotheken benutzt und geschätzt werden, dann sollte uns dies doch wohl
zum Nachdenken anregen.
Zweifellos hat das amerikanische Schulwesen große Mängel und Schwächen.
Die Schulpflicht ist zwar vielleicht in allen oder doch in den meisten Staaten einge
führt, aber nicht entfernt durchgeführt. Von vornherein ist sie weit weniger
ausgedehnt als bei uns. In New Jork z. B. beansprucht sie das Kind nur vom 8. bis
zum 12. Lebensjahre für das ganze Schuljahr, vom 12. bis zum 14. Jahre für ein
halbes Schuljahr, für das zweite halbe Schuljahr nur, wenn das Kind n i ch t in regel
mäßiger Beschäftigung irgendwo steht, für das 14. bis 16. Jahr gleichfalls nur, wenn
das Kind nicht in regelmäßiger Beschäftigung steht. Die unbedingte Schul
pflicht gilt also nur für 4 ganze und 2 halbe Schuljahre. Allerdings besucht ein großer
Teil der Kinder die Schulen über die Pflichtzeit hinaus, noch größer aber ist in ganz
Amerika der Teil, der nicht regelmäßig zur Schule kommt. Von 12 Millionen ein
geschriebener Kinder sind im Durchschnitt nur 8 Millionen tatsächlich in den Klassen
anwesend. Größere Gemeinden haben daher eigene Beamte angestellt, die die säu
migen Kinder aufsuchen und zur Schule zu bringen haben. New Pork unterhält 9
solcher Beamten. Man sucht diesen übelstand mit aller Energie zu beseitigen, doch
werden voraussichtlich noch lange Jahre vergehen, ehe auch nur annähernd der
Zustand erreicht ist, der in Preußen und Deutschland als selbstverständlich gilt, daß
jedes schulpflichtige Kind auch regelmäßig die Schule besucht.
Auch in der Methode sind zweifellos recht viele, vielleicht auch große Mängel
vorhanden. Der Amerikaner ist dafür auch nicht blind, stets bereit, zu lernen, und
vielleicht eher geneigt, die Vorzüge und Vorsprünge anderer Nationen zu hoch als zu
*) Das amerikanische Schulwesen zerfällt in 3 Teile: die sog. Primar-(Elementar-)
Schule mit 3—4 jährigem Lehrgang, die Grammarschule mit 4 jährigem Lehrgang und die
Hochschule (unsern Gymnasien ähnlich) ebenfalls mit 4 jährigem Lehrgang, hieran schließt sich
die Universität. B a h r a. a. O. S. 222. — G. M.