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Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft.
aufeinander, und die Arbeit wirkt dadurch bedeutend ermüdender. Wird ein zweiter
oder dritter Arbeiter hinzugezogen, so regulieren sich die Bewegungen jedes ein
zelnen nach dem Taktfchall, den die Arbeitsinstrumente beim Aufschlagen auf den
zu bearbeitenden Stoff ergeben. Es wird ein kürzerer Takt erzielt, dessen Fest
halten kaum Schwierigkeiten bietet. Jeder Arbeiter bleibt zwar für sich selbständig,
muß aber seine Bewegungen gleichmäßig nach denen seiner Genossen einrichten.
Es handelt sich also nicht darum, daß die Größe der Arbeitsaufgabe eine Ver
doppelung oder Verdreifachung der Kräfte erfordert, sondern darum, daß die Einzel
kraft einen bestimmten Rhythmus der Bewegung nicht festzuhalten imstande ist.
Allerdings scheint die Aufbietung eines zweiten oder dritten Arbeiters an sich
die Kraftwirkung des einzelnen nur verdoppeln oder verdreifachen zu können; den
noch hat auch diese Art der Arbeitsverkettung eine Steigerung der Produktivität zur
Folge, indem sie die Kraftausgabe und die Ruhepausen für jeden gleichmäßig regelt
und darum allen eine längere Fortsetzung der Arbeit gestattet. Der einzelne läßt
die Hände sinken, wenn er müde wird, oder verlangsamt doch das Tempo seiner Be
wegungen. Der kurze Takt der Arbeit ermuntert; ihre Gemeinsamkeit regt zum
Wetteifer an; keiner will an Ausdauer hinter dem andern zurückstehen.
Noch deutlicher tritt dieser Zwang für den schwächeren Arbeiter, es dem stär
keren gleichzutun, bei einigen Arbeiten von freierem Ryhthmus hervor, bei welchen
die Verkettung in der Weise bewerkstelligt wird, daß die Arbeiter reihenweise
gruppiert sind, und daß das Fortschreiten der Arbeit des einen von der Tätigkeit
des andern abhängig ist. In einer Reihe von Mähern, welche auf der Wiese stehen,
muß jeder einzelne gleichmäßig sein Pensum bewältigen, wenn er seinen Nachmann
nicht aufhalten oder fürchten will, von dessen Sense getroffen zu werden. In einer
Kette von Handlangern, welche einander die Ziegelsteine für einen Bau zureichen
oder -werfen, muß jeder folgende gleich rasch abnehmen, wenn er nicht die ganze
Arbeit ins Stocken bringen will.
Dieses gegenseitige Anpassen der Arbeiter aneinander, das allen Arten der
Arbeitsverkettung eigentümlich ist, wird somit zu einem disziplinierenden Element
von der allergrößten Bedeutung, insbesondere für unqualifizierte Tätigkeiten, wie
sie auf primitiven Stufen der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung über
wiegen. Ja es kann geradezu als Zwangsmittel zur Beschleunigung des Werkes
auch in Fällen der Arbeitshäufung angeordnet werden, die an sich eine derartige
Bindung der Bewegungen nicht erfordern. Dazu bedarf es dann künstlicher Taxie
rung (durch Zählen, Gesang, Musikbegleitung), mit deren Hilfe die einfache Arbeits
häufung in die Arbeitsverkettung umgewandelt wird. So bei der Sklavenarbeit, die
aus bekannten Gründen truppweise erfolgen muß, bei den Fronden und den öffent
lichen Arbeiten der Naturvölker.
5. Luxus und Sparsamkeit.
Von Artur Graf v. Posadowsky-Wehner.
v. Posadowsky-Wehner, Luxus und Sparsamkeit. Ein Vortrag. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht, 1909. S. 4 ff.
Luxus und Sparsamkeit sind zwei Begriffe, die eigentlich die beiden
Pole des wirtschaftlichen Lebens überhaupt bilden. Erzeugung und Aufspeicherung
von Werten auf der einen Seite und ihr berechtigter oder wirtschaftlich und sittlich
verwerflicher Gebrauch auf der andern Seite.