Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1. Ideen über die Entstehung und die Entwickelung des Handels. 69 
hindert lange die Gleichheit der persönlichen Eigenschaften und des Besitzes jedes 
Bedürfnis des Tausches. Auch auf viel höherer Kulturstufe finden wir noch einen 
Handel ohne Händler, wie z. B. zwischen dem Bauer des platten Landes und dem 
Handwerker der mittelalterlichen Stadt lange ein solcher Austausch der Erzeugnisse 
stattfindet, ein Handel zwischen Produzent und Konsument. Zwischen verschiedenen 
Stämmen gaben die Häuptlinge und Fürsten am ehesten die Möglichkeit und den 
Anlaß zum Tausch. Daher sind lange diese Spitzen der Gesellschaft die wesentlich 
Handeltreibenden. In Mikronesien ist heute noch dem Adel Schiffahrt und Handel 
allein vorbehalten; die kleinen Negerkönige Afrikas suchen noch möglichst den Handel 
für sich zu monopolisieren. Ähnliches wird von den älteren russischen Teilfürsten 
berichtet: die Haupthändler in Tyrus, Sidon und Israel waren die Häuptlinge und 
Könige. 
Nur bei solchen Stämmen, die, entweder am Meere lebend, Fischfang und 
Schiffahrt frühe erlernten oder als Hirten mit ihren Herden zwischen verschiedenen 
Gegenden und Stämmen hin und her fuhren, wie bei den Phönikern und den arabisch 
syrischen Hirtenstämmen, konnte sich der abenteuernde Sinn, die kühne Wagelust, der 
rechnende Erwerbssinn entwickeln, die in etwas breiteren Schichten der Stämme 
Handelsgeist und Handelsgewohnheiten, sowie Markteinrichtungen nach und nach 
schufen. Ihnen steht die Mehrzahl der anderen Stämme und Rassen mit einer 
zähen, jahrhundertelang festgehaltenen Abneigung gegen den Handel gegenüber; sie 
dulden Generationen hindurch eher, daß fremde Händler zu ihnen kommen, als daß 
sie selbst den Handel erlernen und ergreifen. So ist bei den meisten, besonders 
den indogermanischen Völkern der Handel durch Fremde und Fremdenkolonien nur 
sehr langsam eingedrungen. Die Phöniker, Araber, Syrer und Juden waren die 
Lehrer des Handels für ganz Europa. Die Araber sind es noch heute in Afrika, 
wie die Armenier im Orient, die Malaien und Chinesen vielfach in Ostasien. Bis 
auf den heutigen Tag sind in vielen Ländern einzelne Handelszweige in den Händen 
fremder Volksangehöriger, wie z. B. in London der Getreidehandel wesentlich von 
Griechen und Deutschen, in Paris das Bankgeschäft hauptsächlich von Genfer Kauf 
leuten und deutschen Juden begründet wurde, in Manchester noch heute ein erheb 
licher Teil des Baumwollwarenhandels in fremden Händen liegt. In Indien kann 
der Krämer und Händler des Dorfes noch heute nicht Gemeindemitglied sein (Mainest 
Im Elsaß wohnt der jüdische Vermittler nicht in dem Dorfe, das ihm von seinen 
Freunden stillschweigend als Geschäftsgebiet überlassen ist. Am Handel klebt so sehr 
lange die Vorstellung, daß es sich um ein Geschäft mit Fremden handle. 
Die ältesten Händler sind Hausierer, die mit Karren, Lasttieren und Schiffen 
von Ort zu Ort, von Stamm zu Stamm, von Küste zu Küste ziehen; sie sind meist 
Groß- und Kleinhändler, Frachtführer und Warenbesitzer, oft auch technische Künstler 
und Handwerker zugleich. Die wertvollsten Waren, mit ihren großen örtlichen Wert 
differenzen, Vieh und Menschen, Salz, Wein und Gewürze, Edelsteine, Metalle und 
Werkzeuge sind die Lockmittel jenes ersten Verkehrs. Von dem römischen Wein 
hausierer, dem Caupo, stammt das Wort Kaufmann. Es ist ein Handel, der stets 
Gefahren mit sich bringt, Verhandlungen mit fremden Fürsten und Stämmen, ein 
gewisses Fremdenrecht, Beschenkung und Bestechung der zulassenden Häuptlinge oder 
auch Bedrohung und Vergewaltigung derselben voraussetzt. Leichter erreichen die 
Händler ihr Ziel, wenn sie in gemeinsamen Schiffs- und Karawanenzügen, unter 
einheitlichem Befehle, mit Waffen, Gefolge und Knechten auftreten. So wird die 
Organisation dieses Handels in die Fremde meist eine Angelegenheit der Fürsten 
oder gar des Stammes, jedenfalls der Reichen und Angesehenen; Stationen und 
Kolonien werden nicht bloß für die einzelnen Händler, sondern für das Mutterland 
erworben: die Händler desselben Stammes treten draußen, ob verabredet oder nicht,
	        
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