Object: Die Nationalökonomie in Frankreich

54 
Die liberale Schule 
Die Staatsintervention, die Baudrillart verlangt, be 
schränkt sich auf : Unterricht, öffentliche Arbeiten, Volkskredit, 
Schutz der Frauen- und Kinderarbeit und Armenunterstützung*). 
In den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern haben 
gegenseitiges Wohlwollen und Nächstenliebe zu herrschen, sollen 
nicht die aus der strikten Rechtsordnung sich ergebenden Be 
ziehungen zur Bewahrheitung des Spruchs: „Summum jus, 
summa injuria“ führen 2 ). 
Wie man sieht, sind Bau drill arts Interventionismus und 
„Anleihen bei der Gefühlsmoral“ recht schwächlich. Deren Be 
deutung liegt nicht in ihnen selbst, sondern in der moralphilo 
sophischen Begründung der grundsätzlichen Einmischung des 
Staates ins Wirtschaftsleben. 
Der Moral der Selbstvervollkommnung, dem Utilitarismus, 
entnimmt Baudrillart das Element des Eigeninteresses als eines 
fruchtbaren und berechtigten Beweggrundes für das wirtschaft 
liche Handeln des Menschen. Dieses Eigeninteresse aber hebt 
er scharf ab von verwerflichem Egoismus und versucht, ihm 
eine höhere sittliche Weihe zu geben : es geht auf in der höheren 
Einheit des Individuums 3 ). Das Individuum steht im Zentrum 
des sittlichen, wie des Wirtschaftslebens. Als Zweck und Be 
standteil jeder gesellschaftlichen Organisation ist es das wesent 
liche Prinzip der Nationalökonomie. Das Individuum wird zur 
Tätigkeit veranlaßt durch das Pflichtgefühl. Es tritt wirtschaft 
lich handelnd auf in der Arbeit. Die Arbeit ist eine exklusiv 
b ibid. p. 107. 
2 ) ibid. p. 108. Für das Fabriksystem liegt der Kernpunkt des sittlichen 
Problems in der Notwendigkeit der Erhaltung der Familie, der sittlichen Rein 
heit der Frau, der Unschuld und der physischen Kraft des Kindes. Zum Teil 
kann hier die Gesetzgebung helfen durch Schutzmaßregeln für Frauen- und 
Kinderarbeit. Wirksamer aber als alle staatlichen Mittel wird immer der Ein 
fluß der Sitten sein. Auf diese vermögen Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeit 
geber für die Arbeiter, Erziehung zu Häuslichkeit und wirtschaftlichen Tugenden 
sowie Religiosität bessernd einzuwirken (ibid., p. 357 ff.). 
8 ) „Es ist nicht richtig zu behaupten, das Bewußtsein der Individualität 
gehe in Eigeninteresse auf. Jenes begreift die Gefühle der Pflicht und der 
persönlichen Würde in sich, sowie überhaupt alles, was dem Menschen eine hohe 
Idee von seinem sittlichen Werte gibt. Sicher aber ist, daß das Eigeninteresse 
einen integrierenden Bestandteil der Individualität ausmacht.“ (Des rapports 
usw., p. 138).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.