Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Nachdem dem Ziele größtmöglichster Produktivität der 
unbedingte Vorrang im Wirtschaftsleben gesichert 1 ) und damit 
das stetig steigende Wohlergehen aller in erster Linie von der 
individualistischen Organisation der Produktion abhängig ge 
macht ist, tritt d’Eichthal an das Verteilungsproblem heran. 
Die liberale Schule verneint nicht, sagt er, daß die soziale 
Gerechtigkeit das beständige und höhere Ziel der Gesellschafts 
organisation sein soll 2 ); aber es ist gefährlich und öffnet dem 
Kollektivismus Tür und Tor, wenn man die Gerechtigkeit zum 
alleinigen Pol der Wirtschaftsordnung macht. Die Natur gibt 
dazu das Beispiel nicht, denn sie ist von Grund aus ungerecht. 
Alles in ihr ist Ungleichheit, Erdrückung des Schwächeren durch 
den Stärkeren usw. 3 ). Die Rolle nun, welche d’Eichthal dem 
Prinzip der sozialen Gerechtigkeit tatsächlich im Wirtschafts 
leben zuweist, wird durch den Begriff der sozialen Solidarität, 
den er in die liberale Volkswirtschaftslehre einführt, bestimmt. 
d’Eich thaïs Schrift über die soziologische Kategorie der 
Solidarität wurde der Anlaß zu einer gründlichen Aussprache 
der Académie des Sciences morales et politiques, d. h. der 
Koryphäen der liberalen Schule, über die Solidaritätsidee, welche 
J ) Die Betonung des Vorrangs der Produktion im "Wirtschaftsleben gibt 
d’Eichthal Anlaß zu einer Bewertung der Juristen. „Die praktische Beobach 
tung,“ schreibt er, „die aktuelle wie die historische, führt die Ökonomik zu 
einer Schlußfolgerung, die sie so zu formulieren wagt : es wäre ein Unglück für 
eine Gesellschaft und würde den Stillstand ihrer Fortschritte bedeuten, wenn der 
exklusive juristische Geist auf die sozialen Dinge übergreifen und die Auslese 
der Produzenten erfüllen würde. . . . Die Juristen und Gesetzesmacher haben 
häufig die Tendenz, die Dinge und die Menschen ... zu immobilisieren, und 
über den Anteil eines jeden an einem Kuchen, zu dessen Vermehrung sie nichts 
beitragen, zu schikanieren. Wenn der tätigste Teil unserer Generation die Pro 
duktion vernachlässigte, um sich nur mit der Regelung der Bedingungen zu be 
schäftigen , unter denen die Früchte der Wissenschaft und Industrie verteilt 
werden sollen, so würde daraus eine allgemeine Verarmung erfolgen, ohne daß 
vielleicht eine nennenswerte Befriedigung des Gerechtigkeitssinnes erreicht würde.“ 
ibid. p. 350/Bl. 
2 ) Der scheinbare Widerspruch, der in dieser Formulierung liegt, erklärt 
sich wie folgt: die größtmögliche Produktion ist das oberste Ziel der Praxis, 
die Gerechtigkeit in der Verteilung ist das oberste Ziel in der Theorie; aber 
gerade die Verwirklichung des obersten Zieles der Praxis ist das adäquateste 
Mittel zur Verwirklichung gerechter Verteilung. Cfr. d’Eichthal ibid. p. 345 fis. 
3 ) ibid. p. 352 fis., p. 379 ff.
	        
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