Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Individualismus  zu  gewissen  Zeiten  erzeugen  konnte.  Sie  stellt
dem  Gesetze  der  Zerstörung,  um  zu  leben,  das  der  Gesamtheit
der  lebenden  Wesen  gemein  ist,  ein  Gesetz  des  Zusammenwirkens, ­
  um  zu  leben,  entgegen,  welches  sich  nach  und  nach
im  Schoße  der  Menschheit  zu  deren  sittlichem  und  physischem
Besten  bildet,  und  aus  derselben  eine  kleine,  abseits  stehende
Welt  im  Universum  machen  wird“  *).
Die  praktische  Verwertung  der  Solidaritätsidee  als  Norm
der  Güterverteilung 1  2 )  denkt  sich  d'Dichthai,  und  darin  folgt
ihm  die  Akademie  nur  mit  größter  Zurückhaltung,  wie  folgt:
In  der  Ordnung  der  Gefühle  ist  zu  einer  immer  bewußteren
Entwicklung  jener  Tugenden  anzutreiben,  welche  man  früher
Nächstenliebe,  Brüderlichkeit,  Philanthropie,  Altruismus  nannte;
in  der  Ordnung  der  äußeren  Tatsachen  ist  die  Assoziation  zu
ermutigen,  die  als  Genossenschaft,  Unterstützungswesen,  ja  selbst
als  Zusammenwirken  von  Kapital  und  Arbeit  das  menschliche
Leben  schon  bedeutend  gebessert  hat.“  Mit  unentwegtem  Optimismus ­
  verspricht  sich  d'Eichthal  von  der  Verwirklichung  der
Solidaritätsidee  durch  genossenschaftlichen  Zusammenschluß
zu  den  verschiedensten  Zwecken  eine  wunderbare,  stetige  Besserung ­
  der  Lage  insbesondere  der  Arbeiterbevölkerung 3 ).  Aber
er  dringt  auch  bis  zum  Interventionismus  vor.  „Die  solidaristische
Weltanschauung,“  schreibt  er,  „äußert  sich  im  bürgerlichen
Leben  zugleich  durch  gesetzliche  und  sittliche  Pflichten:  die
ganze  Frage  der  Freiheit  besteht  eben  darin,  die  einen  von
den  andern  zu  unterscheiden  und  zu  bestimmen,  was  gerechtfertigterweise ­
  durch  den  staatlichen  Zwang  den  Bürgern  im
Namen  der  sozialen  oder  nationalen  Solidarität  auferlegt  werden
kann,  und  was,  aus  Achtung  vor  dem  individuellen  Recht,  oder
im  allgemeinen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Interesse,  das  Gebiet ­
  des  industriellen  Gewissens  oder  des  wohlverstandenen

1)  d’Eichthal,  La  Formation  des  Richesses,  p.  452.  —  La  Solidarité
sociale,  p.  15.
2 )  Es  bedarf  wohl  kaum  eines  Hinweises,  daß  die  Solidaritätsidee  als
Verteilungsnorm  nur  unter  Voraussetzung  eines  anderen  ethischen  Prinzips,
z.  B.  desjenigen  der  Rechtmäßigkeit  der  individuellen  Aneignung  der  Güter,  in
Tätigkeit  treten  kann.  Die  meisten  Verfechter  jener  Idee  neigen  allerdings  dazu,
dies  aus  dem  Auge  zu  verlieren.
3 )  d'Eichthal,  Solidarité,  p.  21  ff.
            
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