Die Interventionisten
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vor sich. Der Liberalismus überhaupt in Religion, Volkswirt
schaft und Politik soll ausgerottet und durch eine christliche
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung ersetzt werden. Man setzte
auf dem Gebiete der Wirtschaftslehre ein und zwar mit der
Arbeiterfrage.
Die vorgefaßte Idee, das große Ideal der sozialkatholischen
Wirtschaftslehre ist die korporative Organisation des Wirtschafts
lebens. Durch diese soll zunächst das große Problem der Sozial
versicherung gelöst werden. Im weiteren soll sie allmählich die
Beseitigung der bestehenden, individualistischen Wirtschafts
ordnung bewirken und den christlichen Staat der Zukunft herbei
führen. Von der Gesetzgebung des bestehenden Staates ver
langen andererseits die Sozialkatholiken die Befriedigung des
Schutzbedürfnisses der Arbeiter. Also : korporative Organisation
des Wirtschaftslebens und Arbeiterschutzgesetzgebung sind die beiden
Hauptgegenstände der sozialkatholischen Wirtschaftslehre. Die
selben durchdringen und befruchten sich gegenseitig. Nichts
destoweniger besteht zwischen beiden ein latenter Gegensatz:
die korporative Organisation der Gewerbe bezweckt eine wesent
liche Umgestaltung der Wirtschaftsordnung, während die
Arbeiterschutzgesetzgebung sich auf dem Boden der bestehenden
vollzieht.
Dieser Gegensatz blieb lange unentwickelt. Nicht daß er
nicht ab und zu zutage getreten wäre x ) ; aber erst in den
90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangte er dauernd an
die Oberfläche. Es hing dies damit zusammen, daß die den
bürgerlichen Kreisen angehörenden Anhänger der sozialkatholi
schen Schule der aus der Revolution hervorgegangenen Staats-
0 Schon 1884 schreibt z. B. Graf de Ségur-Lamoignon: „Was wir ver
treten und vom Staate verlangen, ist nicht dessen administrative Einmischung,
sondern dessen gesetzgeberische Mitwirkung in der Reglementierung der Arbeit,
so zwar, daß, wenn diese einmal feststeht, die Arbeiter wieder die Freiheit
haben, welche sie seit dem Aufkommen der sogenannten Arbeitsfreiheit im Jahre
1791 nicht mehr haben. Was wir wollen, das sind auf der Gerechtigkeit
fußende Gesetze, welche die Rechte und Pflichten eines jeden so sicher stellen,
daß der Staat und seine Bureaukratie nicht nur die Pflicht nicht mehr haben,
sondern selbst das Recht nicht mehr und das Bedürfnis, sich jeden Augenblick
in Fragen einzumischen, welche das ausschließliche Gebiet der Welt der Arbeit
bleiben und sich dem offiziellen Eingriff der Staatsgewalt entziehen müssen.“
de Ségur-Lamoignon in: Association Catholique, Jahr 1884, Bd. I, p. 426.