Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Die  Schule  der  Réforme  sociale

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tischer,  fragmentierter,  sukzessiver  Fortschritt  (in  Sozialpolitik)
durch  Privatinitiative,  freie  Genossenschaft  und  lokale  Tätigkeit“ ­
  i).  Seine  Hauptsorge  ist  die  sittliche  Hebung  des  Volkes.
Er  ist  Individualist  im  besten  Sinne  des  Wortes;  in  der  Arbeiterklasse ­
  sieht  er  nicht  eine  pauperistische,  hilfsbedürftige  Masse,
sondern  eine  emporsteigende  neue  Gesellschaftsklasse.  Demgemäß ­
  legt  er  in  Le  Plays  Lehre  vom  Patronage  das  Hauptgewicht ­
  darauf,  daß  derselbe  ein  freiwillig  dauerndes  Arbeitsverhältnis ­
  verlangt  und  zum  Ziele  haben  soll,  sich  selbst  unnötig ­
  zu  machen,  indem  er  den  Arbeiter  zum  Sparen  und  zur
Selbstbestimmung  erzieht  und  ihn  so  zur  wirtschaftlichen  Unabhängigkeit ­
  führt 1  2 ).
Rostand  ist  entschiedener  Regionalist.  Gegen  jedwede
Zentralisation,  gegen  alle  Arten  von  Sozialismus  zieht  er  mit
dem  feurigen  Temperamente  des  Südländers,  das  ihm  in  hohem
Maße  eigen  ist,  zu  Felde.  Eine  Lieblingsidee  von  ihm  in  dieser
Richtung  ist  die  Selbstausscheidung  (  „  auto  -  élimination“  )  des
Sozialismus.  Der  Sozialismus  geht  nämlich  nach  Rostands
Ansicht  an  sich  selbst  zugrunde  :  einerseits  wird  er  durch  Anarchismus ­
  überwuchert,  andererseits  drängt  die  logische  Entwicklung ­
  der  Dinge  zum  Revisionismus  der  Bernstein,
V.  Voll  mar,  Jaurès  usw.,  welche  zwar  das  alte  Schild  beibehalten, ­
  aber  die  Lösung  der  Arbeiterfragen  „der  Schule  des
praktischen  Fortschritts“  entlehnen.  Indem  die  Revisionisten
die  Genossenschaftsbewegung  an  sich  reißen,  versetzen  sie  dem
marxistischen  Sozialismus  den  Todesstoß 3 ).
Die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen  Rostands,  ebensowohl ­
  als  sein  Anspruch,  die  Sozialpolitik  ausschließlich  der
Privatinitiative  zu  überlassen,  bringen  ihn  der  liberalen  Schule
sehr  nahe;  im  Anschluß  an  Le  Play  und  Claudio-Jannet
betont  er  jedoch  scharf  das  ethische  Moment  im  Wirtschaftsleben ­
  :  „Bei  Le  Play  sind  nicht  mehr  die  Güter,  sondern  die

1)  E.  Rostand,  L’Action  sociale  par  l’Initiative  privée,  Bd.  IV,  p.  1.
2 )  Vgl.  u.  a.  Rostands  Festrede  bei  der  Enthüllung  des  Le  Playdenkmals
in:  Fêtes  du  Centenaire  de  Le  Play.  Compte  rendu  général  analytique,  Paris,
1907,  p.  6.
3 )  E.  Rostand,  L’Action  sociale  par  l’Initiative  privée,  Bd.  IV,  p.  581  ff.
            
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