Die Schule der Science sociale
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Fragestellung zur Regel macht und sich unmittelbar mit kon
kreten Materien befaßt*).
Du Maroussem nähert sich mit seinen Anschauungen
über die Grundlegung einer Volkswirtschaftslehre dem Stand
punkt der deutschen historischen Schule. Niemand wird leugnen
wollen, daß die von ihm ausgestaltete und betätigte Forschungs
methode monographischer Enquete hervorragend dazu geeignet
ist, wertvolle und eminent vergleichbare Materialien zum Auf
bau einer Volkswirtschaftslehre zu beschaffen. Ob aber ihre
systematische Durchführung im wissenschaftlichen Forschungs
betriebe eines Landes nicht schon daran scheitern würde, daß
sie zu sehr auf die spezielle, persönliche Begabung ihres Schöpfers
zugeschnitten ist, bleibt in Frage gestellt.
2. Kapitel.
Die Schule der Science sociale.
Die Le Playschule der Science sociale bietet ein klassisches
Schauspiel tragischer Ironie. Wir haben die Lehre Le Plays
als eine Lehre des Beharrens kennen gelernt; sie predigt Abkehr
von den durch die große französische Revolution irre geleiteten
Entwicklungstendenzen des sozialen Lebens und Konsolidie
rung der sozialen Ordnung in den Organisationsformen der
Vergangenheit. Le Plays Schüler H. de Tourville 2 ) und
1) du Maroussem polemisiert in diesem Sinne gegen die bei den national
ökonomischen Doktorthesen an den juristischen Fakultäten in Frankreich und bei
den Aufsätzen der Revue d'Economie politique übliche Fragestellung. Man
schreibt z. B., sagt er, „Über die Verteilung der Güter im kapitalistischen Zeit
alter“, statt über das viel eindrucksvollere Thema „Wie entstanden die großen
Vermögen z. B. in Paris oder in Chicago?“ oder „Über den Kleingrundbesitz
(im allgemeinen)“, statt die Frage konkret mit Brentano zu formulieren: „Warum
gibt es in Altbayern keine Junker?“ usw., loe. cit. p. 203 ff.
2 ) Henri de Tourville (1842—1903) entstammt einer Patrizierfamilie von
Rouen. Er studierte erst Jurisprudenz, dann Theologie. 1873—1881 war er
Vikar der Pfarrei St. Augustin in Paris. Er lernte dort Le Play und dessen
Milieu kennen und wurde ein eifriger Schüler des Meisters. Durch Krankheit
gezwungen, die Seelsorgepraxis aufzugeben, zog er sich auf sein Landgut Tour
ville, später in das Heim der Schule der Science sociale den „Manoir de
Galmont“ zurück und lebte fortan ausschließlich der Wissenschaft. 1881—1883