Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

302  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

De  Tour  villes  wirtschaftsgeschichtliche  Essays,  aus
welchen  wir  hier  nur  den  wichtigsten  Gedankengang  in  dessen
Hauptzügen  kurz  skizziert  haben,  mögen  mit  anfechtbarem,
historischem  Material  operieren.  Worauf  es  aber  dabei  ankommt, ­
  ist  die  geographisch-wirtschaftliche  und  psychologische
Interpretation  der  Geschichte.  Das  Territorium  bestimmt  die
Art  der  Arbeitsverfassung,  beide  die  Eigentumsordnung,  diese
mit  den  beiden  ersten  die  Art  der  Familienformation  und  der
Kindererziehung,  und  diese  hinwiederum  die  körperliche  und
psychische  Qualität  der  Individuen  usw.  Niemand  hat  klarer,
präziser,  überzeugender  die  jeweilige,  wirtschaftliche  Bedingtheit
aller  sukzessiven  Entwicklungsphasen  in  der  Geschichte  Englands, ­
  Frankreichs,  Deutschlands  nachgewiesen  als  de  Tourville.
  Daß  dabei  in  einseitiger  Weise  das  Territorium  und  die
Art  der  Familienformation,  ob  kommunautäre  (patriarchalische)
oder  partikularistische,  als  bestimmende,  alles  erklärende  Faktoren ­
  des  historischen  Geschehens  in  den  Vordergrund  gestellt
werden,  soll  nicht  geleugnet  werden.  Aber  geistreich,  gedankenkräftig ­
  und  originell  ist  diese  Art  der  Geschichtsbetrachtung.
Demolins  hat  sie  allerdings  durch  seine  Übertreibungen  kompromittiert ­
  *).
*)  Edmond  Demolins,  Les  Grandes  Routes  des  Peuples.  Essai  de  Géographie
sociale.  Comment  la  Route  crée  le  Type  social.  2  Bde.,  Paris,  1901—1902.
In  diesem  Werke  entwickelt  Demolins  die  Theorie,  daß  das  Territorium
die  Bildung  der  wesentlichen  Züge  der  Volkspsychologie  entscheidend  beeinflußt, ­
  dahin  fort,  daß  auch  die  Wege,  welche  die  verschiedenen  Völker  für  ihre
Wanderungen  wählten,  differenzierend  auf  ihre  sozialen  Einrichtungen  und  ihre
psychischen  Eigenschaften  eingewirkt  haben.  Der  ursprüngliche  Typus  verwandelte ­
  sich  so  unter  dem  Einfluß  der  durchwanderten  und  in  Besitz  genommenen
Gegenden  in  verschiedene,  ungleichartige  Typen.  Professor  Gide  wirft  Demolins
mit  Recht  vor,  daß  es  ihm  mitunter  vorkommt,  den  Tatsachen  eine  willkürliche
Erklärung  zu  geben,  oder  sie  auch  künstlich  so  zu  gruppieren,  wie  es  seiner
vorgefaßten  Anschauung  entspricht.  Er  stellt  z.  B.  fest,  was  man  übrigens  schon
seit  langem  weiß,  daß  die  Chinesen  ein  Volk  von  Kleinbauern  und  Kleingewerbetreibenden ­
  sind,  die  in  Familiengemeinschaften  (kommunautärer  Familienformation) ­
  leben.  Es  muß  nunmehr  eine  Straße  gefunden  werden,  welche  die  Fähigkeit ­
  besitze,  die  Menschen  ausschließlich  zum  Kleinbetrieb  im  Ackerbau,  Gewerbe ­
  und  Handel  zu  erziehen.  Dieselbe  darf  außerdem  die  kommunautäre
Familienformation  nicht  gefährden,  sondern  muß  sie  sogar  stärken.  Auf  dieser
Straße  müssen  die  Chinesen  nach  China  eingewandert  sein.  Vgl.  Ch.  Gide,
Rezension  des  I.  Bandes  des  fraglichen  Werkes  von  Demolins  in:  Revue  d’économie
politique,  1901.
            
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