Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 39
Beruf und heben eben dadurch dessen Sittlichkeit in eine
freiere Sphäre.
War aber mit alledem die soziale Einordnung der sub—
ektivistischen Persönlichkeit gewährleistet? Man glaubte es
lange Zeit. In jugendfrohem Optimismus sah man die
Harmonie der Entwicklung gesichert, wenn jeder sich nach
Kräften auswirke: es waren die Zeiten des laissez aller,
saissez faire nicht bloß auf wirtschaftlichem Gebiete. Aber
schon die Erfahrung weniger Generationen zeigte, daß dieser
Glaube nur ein Anfangsglaube des Subjektivismus sein
konnte. Nicht bloß, daß gewisse Folgen einer solchen Lebens⸗
haltung äußerlich unleidlich hervortraten. Vor allem zeigten
inere Abwandlungen der Psyche, daß ein höherer Grad der
Selbstbindung erreicht werden müsse. Um nur einige Momente
zu erwähnen, so entwickelte sich z. B. in dem modernen Ehrgefühl
eine wenig erfreuliche Mischung von Gewissen und Selbstsucht,
und schoß allmählich aus fatalistischen Keimen das wuchernde
Gestrüpp eines frivolen Skeptizismus hervor, der ebensowenig
wie die früher erwähnten Erscheinungen des Weltschmerzes,
des Pessimismus, des Satanismus, durch eine bloße würdige
Resignation, jene humorvoll⸗ wehmütige Selbstbegrenzung der
eigenen Persönlichkeit, die namentlich hohe Geister der Mitte
des 19. Jahrhunderts oft geübt haben, beseitigt werden konnte.
Was hier nottat und noch nottut, war und ist die Entwicklung
bon neuen objektiven Werten, sittlichen Normen, frommer Lebens⸗
kunst, staatlichem Hochgefühl, von Werten, die naturgemaß erst
in langem Ringen um eine neue Dominante des Zeitalters
überhaupt zur Entfaltung gelangen konnten.
Kein Zweifel indes, daß schon in den wichtigsten Aus⸗
wirkungen der neuen Kultur seit Mitte des 18. Jahrhunderts die
wertvollsten Vorarbeiten für solche höchste Ziele vorliegen, denen
auch unsere Gegenwart zunächst nur sehnsuchtsvoll nachjagt.
Vor allem auf dem Gebiete der Verstandestätigkeit ist das
der Fall. Denn am Ende konnte sich der neue Mensch doch noch
mit nichts leichter orientieren als mit dem Verstande. Eine
neue Regelung phantasievoller Tätigkeit, noch mehr eine neue