Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

348 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
Studium der Tatsachen zu bestätigen; 2. diejenigen Geister zu 
überzeugen, für die die Lehren der Geschichte und der Erfah 
rung heller leuchten, als die der rationellen Analyse; 3. in jedem 
konkreten Fall die Wahl desjenigen aphoristischen Prinzips zu 
bestimmen, welches zur Anwendung zu kommen hat, d. h. die 
Opportunität der Verwirklichung einer rationell als an sich guten 
Einrichtung in einem gegebenen Falle zu bestimmen 1 ). 
Das Lehrbuch Antoines umfaßt zwei Teile: eine Grund 
legung der christlichen Gesellschaftslehre und eine Abhandlung 
über die wirtschaftliche Ordnung in drei Abschnitten: Produk 
tion, Verteilung, Verbrauch. Naturgemäß nehmen alle Fragen 
der staatlichen Intervention, also insbesondere die Arbeiterfragen, 
einen breiten Raum ein. Der hervorragende Sinn des Autors 
für das Wirkliche, Mögliche und Opportune kommt in allen 
Detailfragen wirksam zur Geltung und bewirkt, daß das Ganze 
den Eindruck einer eleganten Abfindung der Scholastik mit der 
kapitalistischen Wirtschaftsordnung hinterläßt 2 ). 
Georges Goyau 3 ), der über eine hervorragende schrift 
stellerische Begabung verfügt, ist bestrebt, die religiöse Funda 
mentierung des Sozialkatholizismus in seinen Schriften in den 
Vordergrund zu stellen. Seine Art wird vorzüglich durch fol 
genden Passus illustriert, den man als das Leitmotiv aller seiner 
Werke bezeichnen kann : „Der Sozialkatholizismus ist eine Dok 
trin. Er umfaßt zwar viele Detailfragen der praktischen An 
wendung, über die noch lange wird gestritten werden. Aber 
die Hl. Schrift, speziell das Neue Testament, liefert ihm seine 
grundlegenden, für jeden Christen unwiderleglichen Maximen. 
') Ch. Antoine loc. cit. p. 13 ff. 
2) Ganz besonders charakteristisch für die Methodik Antoines ist seine 
IPeridefinition. „Der Wert,“ schreibt er, „ist die Fähigkeit der Dinge, wegen 
ihrer inneren oder äußeren Vorzüge geschätzt zu werden, oder kürzer: die 
Schützbarkeit (estimabilite) eines Dinges wegen deasen absoluter oder relativer 
Güte. Der Wert ist ethisch, ästhetisch, politisch, wirtschaftlich, je nachdem die 
Vorzüge der einen oder andern dieser Ordnungen angehören. So definiert, ver 
meidet dieser allgemeine Wertbegriff zwei Klippen: er ist weder vollständig 
objektiv, noch rein subjektiv.“ Ch. Antoine loc. cit. p. 300—301. 
3 ) Georges Goyau, Autour du Catholicisme social, bisher 4 Bde., Paris, 
1898—1909. Gesammelte Aufsätze aus La Quinzaine und nach deren Eingehen 
(1907) aus Revue des Deux Mondes (Bd. 1 und 2 in 3. und 4. Aufl., Paris 1901 
bis 1902). — Derselbe veröffentlichte unter dem Pseudonym Léon Grégoire, Le 
Pape, les Catholiques et la Question sociale, 3. Aufl. Paris, 1899.
	        
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