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Der Interventionismus an den Universitäten
sch einungsgebiet heran und beobachtete auf seinen Reisen durch
England Tatsachen, welche nicht mit den einfachen, übereilten
Verallgemeinerungen der orthodoxen Volkswirte übereinstimmten.
Durch seinen Appell an das Gefühl, seine Sympathie für die
Arbeiter, seine Kritik der grobindustriellen Entwicklung, des
Konkurrenzsystems, sowie des persönlichen Interesses als alleiniger
Triebfeder des wirtschaftlichen Handelns arbeitete er der im
weitern Verlauf des XIX. Jahrhunderts spontan wieder auf
lebenden Reaktion gegen das laisser faire vor. Durch seinen
Appell an die Staatsintervention endlich ist er ein Vorläufer der
Katheder- und Staatssozialisten. Er war der erste, der Arbeiter
schutzgesetze verlangte, und der dem Staate wieder eine aus
dem historischen Ineinandergreifen von Volkswirtschaft, Recht
und Sitte sich ergebende Rolle im Wirtschaftsleben vindizierte.
Sismondis unmittelbarer Einfluß auf die Zeitgenossen
war gering; von den klassischen Volkswirten nahmen Blanqui
und DroZj wie wir im I. Buch gesehen haben, von ihm die Ge
danken an, daß den Verteilungsfragen nicht minder Aufmerk
samkeit zuzuwenden sei als der Produktion der Güter, und daß
staatliche Arbeiterschutzgesetze notwendig seien, ohne jedoch
darum auf die klassischen Lehren zu verzichten. Die von
Théodore Fix 1833 gegründete Revue mensuelle d’Economie politique,
die nur ein kurzes Dasein fristete, stellte sich anfangs in den
Dienst Sismondis, ging aber bald zur klassischen Schule
über. Als direkten Schüler Sismondis kann man nur den
jungverstorbenen Buret ansehen. Sein Buch „La Misère des
classes laborieuses en France et en Angleterre“ (2 Bde. Paris,
1841) ist von Sismondischen Ideen erfüllt. Wir haben im
II. Buch gesehen, daß auch de Villeneuve-Bargemont häufig bei
Sismondi schöpft. Mehr Beachtung fand letzterer bei den
Sozialisten. Louis Blanc entnimmt ihm seine Argumente gegen
die freie Konkurrenz, Rodbertus seine Krisentheorie, Karl Marx
eine Reihe von Anschauungen, die er in den §§ 60 und 61 des
kommunistischen Manifestes auszählt, und von denen die Ideen
von der Konzentration des Kapitals in den Händen Weniger
und der zunehmenden Verelendung der Massen die Hauptsache
sind. Erst nach dem siegreichen Durchdringen der deutschen,
historisch-ethischen Schule erinnerte man sich Sismondis;
seine Werke wurden neu gedruckt und übersetzt, und die Insto-