Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Interventionist.  Richtungnahme  der  Nationalökonomie  a.  d.  Rechtsfakultäten  369

Geschehens  sind  trotz  allem  nur  unvollkommen  in  die  französischen ­
  Juristen-Volks  wirte  eingedrungen.  Das  erklärt  sich  zunächst ­
  aus  dem  französischen  Temperament,  dem  die  Geduldarbeit, ­
  die  Gegenwart  durch  die  Vergangenheit  zu  erklären,
nicht  entspricht.  Vielleicht  hängt  es  auch  mit  dem  bewußten
oder  unbewußten  Empfinden  zusammen,  daß  die  Kontinuität
zwischen  Gegenwart  und  Vergangenheit  durch  den  gewaltsamen
Riß  der  großen  Revolution  in  Frankreich  unterbrochen  ist.
Sicher  ist  die  mangelhafte  Aufnahmefähigkeit  für  die  historische
Methode  durch  den  rationalistischen,  von  absoluten  Prinzipien
und  allgemeinen  Ideen  eingenommenen  Geist,  der  das  französische ­
  Ingenium  kennzeichnet,  mitverschuldet.  Die  Eigenproduktion ­
  der  Franzosen  in  Wirtschaftsgeschichte  ist  denn  auch
gering.  Anders  ist  es  mit  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Lehren.  Hier  ist  die  Ideenspekulation  zu  Hause,  für  welche  der
lateinische  Volkscharakter  und  die  Erziehung  zu  rationalistischem
Denken  so  wunderbar  vorbestimmen.  Dennoch  darf  man  auch
auf  diesem  Gebiete  nicht,  ebensowenig  wie  auf  dem  der  Tatgeschichte, ­
  allzuviel  Verständnis  für  die  zeitliche  und  örtliche
Bedingtheit  der  Erscheinungen  suchen.  Der  Hang  des  Franzosen
zum  Absoluten,  das  Bedürfnis  zu  schlußfolgern,  die  gehobenen
Schätze  nicht  uneigennützig,  um  ihrer  selbst  willen,  ins  Sonnenlicht ­
  zu  stellen,  sondern  sofort  praktisch  im  Dienste  vorhandener
Anschauungen  und  Bestrebungen  zu  verwerten,  drängen  sich
immer  in  den  Vordergrund.  Professor  Schatz  in  Dijon  definiert ­
  die  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Lehren  im  Anschluß
an  Professor  Des  champ  s  :  „Gegenstand  und  Nutzen  derselben
ist,  die  Elemente  der  Information  zu  sammeln,  die  uns  in
die  Lage  setzt,  den  wirtschaftlichen  Systemen  unser  Vertrauen
zu  schenken  oder  zu  verweigern“ 1 ).  Professor  Gide  urteilt  zutreffend: ­
  „Der  französische  Volkswirt  erforscht  die  Einrichtungen ­
  der  Gegenwart  und  Vergangenheit  nicht  mit  der
olympischen  Ruhe  eines  deutschen  Gelehrten,  für  welchen
jede  Einrichtung  gut  ist,  wenn  sie  den  Umständen  der  Zeit
und  des  Milieus  angepaßt  ist.  Er  hat  keine  uneigennützige
Liebe  für  die  Tatsachen;  er  will  sie  zum  Angriff  auf  die  be-1)

  A.  Sciiatz,  L’Individualisme  économique  et  social,  Paris  1907,  p.  4.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  24
            
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