Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Die liberale Schule 
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schaftsleben bestehen wird. In dieser Nichtintervention geht 
Dun o y er weiter als irgend ein Volkswirt der klassischen 
Schule vor ihm. Er möchte, daß der Staat die Hände vom 
Wegebau ließe und die Ausübung der ärztlichen Praxis sowie 
aller anderen gelehrten Berufe nicht mehr von dem Bestehen 
staatlicher Prüfungen abhängig machte. Von Frauen- und 
Kinderschutz oder von Reglementierung gesundheitsschädlicher 
Betriebe will er nichts wissen. Nur die Garantie der absolute 
sten Freiheit und die repressive, nie aber die präventive Be 
kämpfung schädlicher Handlungen steht dem Staate zu. Außer 
dem verlangt er noch mit den Physiokraten, daß der Staat 
„seinen Bürgern Gerechtigkeits- und Billigkeitssinn sowie gesell 
schaftliche Tugenden anerziehe“ x ). Diese haben nämlich für 
das Wirtschaftsleben den allergrößten Wert. Für jedes einzelne 
Gewerbe unternimmt Dunoyer nachzuweisen, wie ausschlag 
gebend die sittlichen Eigenschaften und bürgerlichen Tugenden 
auf die Entwicklung der produktiven Kräfte einwirken. In echt 
doktrinärem Optimismus befangen, war er fest überzeugt, daß 
das Gute und das Nützliche stets zusammenfallen 2 ). 
Im theoretischen Teile seines Systems bespricht Dun o y er 
der Reihe nach die einzelnen Gewerbe und Künste; seiner 
Klassifikation derselben liegt Says Theorie der immateriellen 
Güter zugrunde. Diese setzt, wie wir gesehen haben, einen 
gegenüber der früheren Auffassung Adam Smiths und der 
Physiokraten erweiterten Kreis von menschlichen Bedürfnissen 
voraus, deren Befriedigungsmittel als wirtschaftliche Güter an 
zusprechen sind. Du no y er hat nun mit seiner rücksichtslosen 
Konsequenz eine Grenze, die J. B. Say jedenfalls nur un 
bestimmt vorschwebte, überhaupt nicht mehr gekannt, und die 
gesamte menschliche Bedürfnis weit unterschiedslos als Gegen 
stand der Wirtschaftswissenschaft angesehen. In diesem Sinne 
gliedert er die Gewerbe und Künste in solche, welche die Dinge 
zum Gegenstand haben, und solche, deren Objekt der Mensch 
ist („qui s’exercent sur les hommes“). 
Ì Dunoy er, loe. eit., Buch IV, Kap. 7 und Buch XI, Kap. 5; vgl. Villey, 
L’Oeuvre économique de Charles Dunoyer, Paris 1899, p. 831. 
2 ) „Ist einmal die Freiheit verwirklicht, ... so werden alle schlechten 
Mittel, sich zu bereichern, spontan aufgegeben werden.“ De la Liberté du 
Travail, Bd. I, p. 339.
	        
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