Der Protektionismus
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Eine kurzgedrängte aber sehr reichhaltige statistische Über
sicht über die Entwicklung der französischen Volkswirtschaft
und des Staatshaushalts in den ersten dreißig Jahren der dritten
Republik bietet der Band „La France économique et financière
pendant le dernier quart de siècle“ (Paris 1900). Ein anderes
Werk „Les Progrès économiques de la France“ (Paris 1908)
widmet Théry der Apologie des französischen Schutzzollsystems
von 1892. Er versucht darin nachzuweisen, daß große wirt
schaftliche Fortschritte im Gefolge des Zolltarifs von 1892 ge
macht wurden. Es ist nicht zu leugnen, daß Thérys Ziffern
material eine aufsteigende Bewegung von Außenhandel, Getreide-,
Wein-, Zucker-, Eisenproduktion, Eisenbahn- und Wasserstraß en-
verkehr, Kreditgenossenschaften, Emissionen, Sparkasseneinlagen
usw. zum Ausdruck bringt. Schattenseiten, wie das Sinken der
Weinpreise, die geringe Entwicklung der Handelsflotte, die Stag
nation der Bevölkerung läßt er nicht unerwähnt. Es liegt aber
auf der Hand, daß ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwick
lung Frankreichs seit 1892 mit der gleichzeitigen Entwicklung-
anderer Länder, oder mit anderen Perioden der französischen
Wirtschaftsgeschichte z. B. der des zweiten Kaiserreichs, das
optimistische Urteil Thérys in bedenklichem Lichte erscheinen
lassen würde. Es wäre sogar gar nicht schwer, die Wirkungen
des Zolltarifs von 1892 in einem der Auffassung Thérys genau
entgegengesetzten Sinne zu interpretieren.
Weniger einseitig und sehr lehrreich sind Thérys Artikel-
Sicherheitsgewähr für die Zukunft gegeben. Die sicheren Gewinnaussichten,
welche sie geschaffen, haben Banken und Private veranlaßt, Kapitalien in großem
Maßstab in neuen Unternehmungen anzulegen. Amerika verdankt seinen außer
ordentlichen Aufschwung in erster Linie seiner Schutzzollpolitik, welche der
nationalen Industrie den nationalen Markt sicherte und so die Monopolisation
der hauptsächlichsten Industriezweige durch die Trustbildungen ermöglichte.
Außerdem kommen aber der amerikanischen Volkswirtschaft noch eine Reihe
anderer, nicht zu unterschätzender Faktoren zugute: der enorme regelmäßige
Bevölkerungszuwachs, die besonderen Eigenschaften des Volkes, die Vervoll
kommnung der maschinellen Ausrüstung, die gewaltige Entwicklung der Ver
kehrsmittel und der natürliche Reichtum des Bodens. Das wirtschaftliche Zurück
bleiben Frankreichs, das Théry nicht leugnet, führt er in der Hauptsache zurück
auf die Vernachlässigung des dringend notwendigen Ausbaues der Binnenwasser
straßen, sowie auf den Mangel an Unternehmungsgeist. Durch ausführliche
statistische Gegenüberstellungen rückt er den Aufschwung der landwirtschaft
lichen Produktion in Frankreich seit 1892 in helles Licht.