Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Überblick 
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sich. Die Methode der volkswirtschaftlichen Kunstlehre ist und 
war immer deduktiv, weil sie wesentlich in der Anwendung des 
„Syllogismus des Handelns“ besteht*). Die Methode der volks 
wirtschaftlichen Praxis identifiziert sich in ihren großen Zügen 
mit jener der Kunstlehre, da sie die durch den Syllogismus 
gewonnene allgemeine Richtschnur des Handelns auf die kon 
kreten und besondern Umstände des Einzelfalls anwendet. 
Die Beobachtung hat in der Volkswirtschaftslehre vier Wege : 
in unsern Kulturländern des Abendlandes die Statistik und die 
Monographie; für ferne Länder die Erzählungen der Reisenden, 
d. i. die Ethnographie; für ferne Zeiten, die Erforschung der über 
lieferten Dokumente, d. i. die Geschichte i) 2 ). 
Das Verhältnis der Nationalökonomie zur Soziologie ist 
durch das Verhältnis des Wirtschaftslebens zum Gesellschaftsleben 
vorgezeichnet 3 ). Die wirtschaftlichen Erscheinungen spielen die 
Rolle der Ernährungshmküon im sozialen Körper; darum gehört 
die Volkswirtschaftslehre an die Basis aller Sozialwissenschaften. 
Sie hat übrigens auch historisch die erste Grundlage der Soziologie 
geschaffen, denn von ihr kommt die Idee der wirtschaftlichen 
Naturgesetze. Sie hat sogar der Soziologie einige konkrete 
Naturgesetze geliefert, welche nicht nur für das Gebiet des 
Wirtschaftslebens, sondern als für das gesamte soziale Gebiet 
zutreffend erkannt wurden. Das wirtschaftliche Gesetz der 
Arbeitsteilung z. B. gilt für das organische Leben, wie für sämt 
liche Zweige des gesellschaftlichen Lebens. Es ist darum zu 
einem Fundamentalprinzip der Soziologie geworden. 
Da ferner die wirtschaftlichen Erscheinungen die Grund 
lagen aller andern gesellschaftlichen Erscheinungen sind, wie 
im Individuum die Ernährungsfunktion Voraussetzung aller andern 
i) Der „Syllogismus des Handelns“, den wir unten bet der Besprechung 
von Gabriel Tarde noch näher werden kennen lernen, besteht aus folgendem: 
der Obersatz wird gewonnen, indem man die zu befriedigenden Bedürfnisse fest 
stellt; der Obersatz ist also ein Optativ. Der Untersatz wird gewonnen durch 
Entdeckung der Mittel, die zur Befriedigung der vorhandenen Bedürfnisse ge 
eignet sind. Er ist ein Indikativ. Der Schlußsatz ist ein Imperativ, eine Regel 
des Handelns. René Worms, loc. cit. p. 94. 
*) ibid. p. 125. 
3 ) ibid. p. 118 und René Worms, La Sociologie et l'Economie politique, 
Separatabdruck aus Revue internationale de Sociologie, Juni 1894, p. 1 ff.
	        
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