Die „interpsychologische“ Grundlegung der Nationalökonomie 491
Die Ursachen dieser beiden Arten von Ausbreitung der
Verbrauchsbedürfnisse sind so verschieden wie ihre Wirkungen.
Die Bedürfnisse der hohem Klassen werden von den niedern
aus Snobismus, oder aus dem aufkommenden Empfinden des
Rechtes auf Gleichheit nachgeahmt; die Bedürfnisse des Aus
landes verdanken der Neuerungssucht der Einheimischen ihr
Umsichgreifen. Der Hang, die obern Klassen oder das Ausland
nachzuahmen, ist eine Kraft, die lange im latenten Zustand
vorhanden ist, bevor sie sich durch Handlungen äußert. Das
erklärt, warum eine technische Verbesserung, die den Preis
einer Ware vermindert, genügt, um dieser, die bis dahin einem
engen Kreise von Reichen vorbehalten war und scheinbar nicht
von andern Klassen begehrt wurde, eine überaus rasche Ver
breitung in neuen Schichten der Bevölkerung zu sichern. Bisher
pflegten die Nationalökonomen jeden Augenblick diese Ver
breitung der latenten Begehren oder virtuellen Bedürfnisse un
bewußt vorauszusetzen x ).
Es gibt zwei Klassen von Bedürfnissen, die im Wirtschafts
kaufen und das Bedürfnis zu kaufen, d. h. das Angelot und die
Nachfrage. Angebot und Nachfrage bestehen nur in Begehren
und Anschauungen. Sie sind darum nicht objektive Begriffe,
die sich etwa in der Zahl der Käufer und Verkäufer auf dem
Markte, oder in der Menge der angebotenen Waren erschöpften,
sondern haben einen wesentlich subjektiven Inhalt. Sie werden
durch die tausend Grade des Vertrauens oder Mißtrauens, welche
die Anschauungen erzeugen, und durch die tausend Grade der
Intensität der Begehren bestimmt 2 ).
Die wirtschaftliche Arbeit ist eine Ausgabe menschlicher
Kraft, mit dem Zweck, ein wirtschaftliches Gut zu erzeugen.
Vom Spiel unterscheidet sie sich dadurch, daß dieses Gut zur
Befriedigung eines von dem Begehren, das in Angriff genommene
Werk zu vollbringen, verschiedenen eigenen oder fremden Be
gehrens dienen soll 3 ).
Die sogenannte Arbeit, die ein Sieg im Kriege kostet, kann
füglich der ebenso irrtümlich sogenannten Arbeit, die eine Er-
*) Ibid. p. 202 ff.
2 ) Ibid. p. 176 ff.
3 ) Ibid. p. 222.
leben eine entscheidende Rolle spielen: das Bedürfnis zu ver-