Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie 
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setzt, jenes nämlich, daß das Gleichgewicht der normative, 
ideale Zustand des Marktes ist? 
Die positive Wissenschaft fragt: Wie ist diese oder jene 
Tatsache zu erklären ? Welches sind deren Ursachen, welches 
deren Wirkungen? Sie fragt nicht: Wie ist dieses oder jenes 
Resultat zu erreichen ? Die praktische und normative Forschung 
ist der positiven lange vorausgeeilt, weil die Praxis dringender 
Lösungen bedarf, selbst wenn die Wissenschaft noch nicht be 
steht. Aber logisch geht das Erkennen dem Urteilen voraus; 
hier wie anderswo ist die Kenntnis der Ursachen einer Erschei 
nung und der Gesetze, die sie beherrschen, die unbedingt not 
wendige Basis für die Praxis, die auf diese Erscheinung ein 
wirken will, wenn sie aus einer empirischen zu einer rationellen 
werden soll 1 ). 
Um die wirtschaftliche Wirklichkeit zu erklären, genügt 
es jedoch nicht, unter Vermeidung jedweder normativer Frage 
stellung mit irgend welchem Beobachtungsmittel an die Erfor 
schung der Ursachen und Wirkungen der Erscheinungen heran 
zutreten. Man muß sich vielmehr von vornherein darüber klar 
werden, daß die Erscheinungen des Wirtschaftslebens ihrem 
Wesen nach gesellschaftliche, kollektive Erscheinungen sind. 
Sie können darum nicht durch innere Wahrnehmung erkannt 
werden. Es ist unzulässig, Erscheinungen gesellschaftlicher 
Natur durch individuelle erklären zu wollen. An die volle 
Wirklichkeit der volkswirtschaftlichen Phänomene ist nur durch 
objektive Beobachtung, durch äußere Wahrnehmung heranzu 
kommen. Simiand hat diesen Grundsatz der Durkheim sehen 
Methodologie am ausführlichsten am Beispiel der Lohnbewegungen 
in der französischen Kohlenindustrie veranschaulicht. 
Die offizielle Statistik lieferte ihm gerade für diesen In 
dustriezweig ausgiebige Materialien. Durch das „Vergleichen 
konkomitanter Variationen“ nach Durkheim schern Rezept, 
d. h. durch die Untersuchung der Beziehungen zwischen den 
Löhnen und deren verschiedenen Begleiterscheinungen gelangt 
Simiand zu der Feststellung, daß sich in dem beobachteten 
') Vgl. die Rezensionen von Simiand in l'Année sociologique, Bd. VI, 
p. 507—511; Bd. VII, p. 568, 616—620; Bd. Vili, p. 527-536, 584—586; 
Bd. IX, p. 517—519; Bd. X, p. 509-511.
	        
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