Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

528

Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

vereint  innere  und  äussere  Wahrnehmung“  l ).  Die  gesellschaftlichen
Erscheinungen  mögen  noch  so  sehr  Phänomene  sui  generis  sein,
die  Auflösung  derselben  in  ihre  Bestandteile  und  die  Beobachtung
dieser  mittels  der  innern  Wahrnehmung,  die  uns  „unmittelbare
Gewißheit  über  uns  selbst  und  durch  Vergleichung  mit  den
Worten,  Mienen  und  Handlungen  der  andern  auch  über  diese
gibt 2 )“,  bleibt  ein  hervorragendes  Mittel  der  volkswirtschaftlichen
Beobachtung.  Dies  ist  übrigens  umso  mehr  noch  deswegen  der
Fall,  weil,  wie  Stuart  Mill  sehr  richtig  feststellt,  die  Verbindungsweise ­
  der  Kräfte,  mit  denen  die  Wirtschaftslehre  sich  beschäftigt,
mehr  mechanischer  als  chemischer  Natur  ist.  Das  heißt,  wenn
wir  die  Wirkung  zweier  wirtschaftlicher  Kräfte  getrennt  kennen,
„  so  können  wir  ziemlich  genau  ihre  vereinte  Wirkung  vorher
sagen,  ohne  auf  eine  besondere  Erfahrung  warten  zu  müssen 3 )“.
Was  die  Lohngesetze  Simiands  betrifft,  so  begrüßen  wir
sie  mit  Freuden  als  eine  schätzenswerte  Förderung  der  Wissenschaft. ­
  Landry  bemerkt  allerdings  unter  anderm  dazu,  daß
sie  zwar  darüber  Aufschluß  geben,  warum  in  einem  bestimmten
Momente  die  Löhne  steigen  oder  fallen,  daß  sie  aber  nicht  zu
erklären  vermögen,  warum  die  Löhne  der  französischen  Kohlenindustrie ­
  seit  50  Jahren  beträchtlich  gestiegen  sind.  Um  diese
Erscheinung  zu  erklären,  hätte  Simiand,  meint  Landry,  über
das  Gebiet  der  Kohlenindustrie  hinaus  nach  Ursachen  suchen
müssen,  und  besonders  die  enge,  gegenseitige  Abhängigkeit  der
Löhne  verschiedener  Industrien  nicht  außer  acht  lassen  dürfen 4 ).
Das  wird  aber  wohl  noch  kommen;  denn  Simiand  teilt  uns
am  Anfang  seines  Buches  mit,  daß  seine  Untersuchungen  über
die  Löhne  in  der  Kohlenindustrie  nur  einen  kleinen  Bruchteil
der  viel  umfassenderen  Forschungen  über  das  Lohnproblem  darstellen, ­
  welche  er  in  Angriff  genommen  hat.  Wir  dürfen  auf
die  Ergebnisse  gespannt  sein,  welche  die  Nationalökonomen
unter  den  Schülern  Dürkheims,  und  speziell  Simiand,  mit
der  Methode  des  Meisters  noch  zu  Tage  fördern  werden.
i)  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  Bd.  I,  1.  bis
3.  Ausl.,  Leipzig  1900,  p  101.
s )  ibid.
3 )  Marshall,  loe.  cit.  p.  77.
4 )  Landry,  Quelques  travaux  récents  de  Théorie  économique  in  Revue
d'économie  politique,  1907,  p.  694.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.