Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
vereint innere und äussere Wahrnehmung“ l ). Die gesellschaftlichen 
Erscheinungen mögen noch so sehr Phänomene sui generis sein, 
die Auflösung derselben in ihre Bestandteile und die Beobachtung 
dieser mittels der innern Wahrnehmung, die uns „unmittelbare 
Gewißheit über uns selbst und durch Vergleichung mit den 
Worten, Mienen und Handlungen der andern auch über diese 
gibt 2 )“, bleibt ein hervorragendes Mittel der volkswirtschaftlichen 
Beobachtung. Dies ist übrigens umso mehr noch deswegen der 
Fall, weil, wie Stuart Mill sehr richtig feststellt, die Verbindungs 
weise der Kräfte, mit denen die Wirtschaftslehre sich beschäftigt, 
mehr mechanischer als chemischer Natur ist. Das heißt, wenn 
wir die Wirkung zweier wirtschaftlicher Kräfte getrennt kennen, 
„ so können wir ziemlich genau ihre vereinte Wirkung vorher 
sagen, ohne auf eine besondere Erfahrung warten zu müssen 3 )“. 
Was die Lohngesetze Simiands betrifft, so begrüßen wir 
sie mit Freuden als eine schätzenswerte Förderung der Wissen 
schaft. Landry bemerkt allerdings unter anderm dazu, daß 
sie zwar darüber Aufschluß geben, warum in einem bestimmten 
Momente die Löhne steigen oder fallen, daß sie aber nicht zu 
erklären vermögen, warum die Löhne der französischen Kohlen 
industrie seit 50 Jahren beträchtlich gestiegen sind. Um diese 
Erscheinung zu erklären, hätte Simiand, meint Landry, über 
das Gebiet der Kohlenindustrie hinaus nach Ursachen suchen 
müssen, und besonders die enge, gegenseitige Abhängigkeit der 
Löhne verschiedener Industrien nicht außer acht lassen dürfen 4 ). 
Das wird aber wohl noch kommen; denn Simiand teilt uns 
am Anfang seines Buches mit, daß seine Untersuchungen über 
die Löhne in der Kohlenindustrie nur einen kleinen Bruchteil 
der viel umfassenderen Forschungen über das Lohnproblem dar 
stellen, welche er in Angriff genommen hat. Wir dürfen auf 
die Ergebnisse gespannt sein, welche die Nationalökonomen 
unter den Schülern Dürkheims, und speziell Simiand, mit 
der Methode des Meisters noch zu Tage fördern werden. 
i) Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Bd. I, 1. bis 
3. Ausl., Leipzig 1900, p 101. 
s ) ibid. 
3 ) Marshall, loe. cit. p. 77. 
4 ) Landry, Quelques travaux récents de Théorie économique in Revue 
d'économie politique, 1907, p. 694.
	        
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