Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 293 
Stämmen viel lebhafter geworden; ein obrigkeitlicher und kauf— 
männischer Briefwechsel hatte sich gebildet. Und da diese Rich— 
tung auf vermehrten Austausch von Gedanken, Wünschen und 
Aufträgen rein national war, so bediente man sich in ihr je 
länger je mehr der deutschen Sprache. Es war dabei natür— 
lich, daß in den wichtigsten und unablässigsten dieser Korre— 
spondenzen allmählich gewisse dialektische Eigenheiten abgeschliffen 
wurden. Nirgends aber mußte das mehr zutreffen, als für 
den Verkehr zwischen den Fürsten und der kaiserlichen Kanzlei. 
So bildete sich in der Kanzlei zunächst der Luxemburger 
allmählich der Anfang einer Gemeinsprache aus; sie war 
entsprechend den regsten Beziehungen des Reichs und der Herr— 
scher zunächst vornehmlich oberdeutschen Charakters; mit öster— 
reichischen und bairischen mischten sich in ihr allenfalls noch 
mitteldeutsche Elemente. Diese Sprache strömte nun unter 
fortwährenden Umbildungen auch in die fürstlichen Kanzleien 
über; auch am sächsischen Hofe bürgerte sie sich ein. Hier er— 
griff dann Luther diesen Strom mit vollem Bewußtsein. In— 
dem er seine Elemente der eigenen Sprache einverleibte, bildete 
er sich das Deutsch seiner Bibel und seiner Traktate, seiner 
Briefe und seiner Predigten: ein Deutsch, das jedermann ver⸗ 
stand, eine der Grundlagen des heutigen Schriftdeutschen. 
Es war eine Einwirkung auf den deutschen Genius fast 
sondergleichen. Nicht bloß auf Lautstand und Wortform, auf 
Satzbau und Rhythmus hat sie sich erstreckt; auch den Wort— 
schatz hat sie ergriffen; Wörter wie Eifer und Ekel, Halle und 
Hügel, fühlen und freien, abergläubisch und albern tragen die 
Prägung Luthers; und wo zwei oder drei Angehörige der 
Sprachgemeinde deutscher Gebildeter sich heute treffen in schrift— 
lichem oder mündlichem Austausche ihrer Gedanken, da redet 
Luther noch heute unter ihnen mit, und der Unterrichtete spürt 
in Wort und Wendung noch den gegenwärtigen Hauch seines 
Geistes. 
Während so Luther auf der Wartburg, dem Ewigen zu— 
gewandt, nebenher eine breite Grundlage schuf für die fernsten 
Wirkungen seiner Persönlichkeit, überwogen in Wittenberg, der
	        
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