Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

147

VI.
Kriegswirtschaft,  VerwaltungsWirtschaft,
Naturalwirtschaft.
(1917.)
Wir  alle  fühlen,  daß  wir  große  Veränderungen  unserer  Lebensordnung
erleben,  dennoch  fällt  es  schwer,  anzugeben,  worin  diese  Wandlungen  eigentlich ­
  bestehen,  und  sie  zu  großen  Gruppen  zusammensufassen.  Wir  vermögen
nur  jene  Tatbestände  festzuhalten,  die  wir  begrifflich  zu  erfassen  vermögen.
Es  ist  daher  eine  unabweisbare  Notwendigkeit,  solche  Begriffe  als  Handwerkzeuge ­
  zu  schaffen,  die  zur  Bearbeitung  der  gegenwärtigen  Wirklichkeit  geeignet ­
  sind.  Während  des  letzten  Weltkrieges,  der  vor  ungefähr  einem  Jahrhundert ­
  die  Welt  erschütterte,  wurde  dies  versäumt.  Die  Revolutionskriege
hatten  ebenso  wie  die  Kriege  Napoleons  die  meisten  jener  Einrichtungen  und
Maßnahmen,  wenn  auch  in  geringerem  Umfang,  gezeitigt,  welche  wir  in  den
eben  verflossenen  Kriegsjahren  als  Neuerungen  einzuführen  glaubten.  Das
Fehlen  eines  entsprechenden  begrifflichen  Gefäßes  war  eine  wesentliche  Ursache, ­
  weshalb  wir  aus  jenen  bedeutsamen  Tatsachen  so  wenig  an  Erkenntnis
für  den  bevorstehenden  Weltkrieg  geschöpft  hatten.  Auch  damals  hatte  man
Rationierung,  Produktionszwang,  Zentralisation  der  Verteilung  und  vieles  andere
gekannt  und  viele  der  schweren  Erfahrungen  gesammelt,  welche  uns  jetzt
bei  den  ersten  Versuchen  nicht  erspart  blieben.  Die  Theorie  der  napoleonischen
Epoche  und  der  Folgezeit  war  aber  im  allgemeinen  auf  verkehrswirtschaftliche ­
  Erwägungen  beschränkt,  sChob  durchweg  die  Geldrechnung  in  den  Vordergrund, ­
  statt  die  Dinge  unmittelbar  zu  erfassen,  und  erschwerte  durch  Anwendung ­
  derselben  auf  die  Wirtschaftlichkeitsbetrachtung  die  Verarbeitung
jener  Erscheinungen.  Es  ergibt  sich  für  uns,  um  diesen  Fehler  zu  vermeiden,
die  drängende  wissenschaftliche  Aufgabe,  eine  den  heutigen  Ereignissen  angemessene ­
  Begriffswelt  zu  schaffen,  ganz  gleich,  ob  man  diese  Ereignisse  für
Vorläufer  kommender  Dinge  oder  für  Teilerscheinungen  eines  flüchtigen  Zwischenspiels ­
  der  Weltgeschichte  hält.
Die  Verkehrswirtschaft  beherrschte  das  Denken  der  Menschen
durch  ein  Jahrhundert;  auch  solche,  welche  diese  Lebensordnung  bekämpften,
bedienten  sich  ihrer  Begriffe.  So  kam  es,  daß  für  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  kein  Platz  im  Rahmen  der  überlieferten  Wirtschaftstheorie
war,  weil  diese  die  in  Kriegszeiten  besonders  häufige  organisierte  Regelung
von  Erzeugung,  Verbrauch,  Vorratsbildung  usw.  zu  erörtern  nicht  gewohnt
war.  Als  daher  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  die  Kriegswirtschaftslehre
als  Forderung  aufgestellt  wurde,  war  damit  zugleich  das  Programm  für  eine
weitere  Ausgestaltung  der  Wirtschaftstheorie  gegeben.  In  einer  vollständigen
Wirtschaftslehre  müßten  sich  ja  alle  Erscheinungen  der  Kriegszeit  als  Spezialfälle ­
  vorfinden.  Solange  das  freilich  nicht  der  Fall  war,  mußte  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  diese  Lücken,  so  gut  es  ging,  auf  eigene  Faust  auszufüllen
suchen.
Wenn  wir  nun  die  Ansicht  aussprechen,  daß  die  Erfahrungen  dieses
Krieges  für  die  Erkenntnis  unverloren  bleiben  werden,  so  stützen  wir  dieselbe
vor  allem  auf  die  Tatsache,  daß  die  Einrichtungen  der  gegenwärtigen
Kriegswirtschaft  weit  tiefer  in  das  Leben  eingegriffen  haben,  als  jene  der
napoleonischen  Epoche,  vor  allem  aber  auch  darauf,  daß  eine  zunehmende
Zahl  von  Männern  in  der  gegenwärtigen  Lebensordnung  etwas  Bedeutsames
erblickt  und  dementsprechend  ihr  gedankliche  Aufmerksamkeit  zulo* ­

            
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