Full text : Die Arbeiterfrage

und  psychisch  niederdrückende  Arbeit  verrichtet  und  dann  noch
diesem  Zirkel  von  Unlustaffekten  auf  alle  mögliche  Weise  zu
entgehen  versucht,  in  dem  kann  man  wohl  mit  Recht  eine
tiefere  seelische  Nötigung  voraussetzen.
Was  würden  Sie  tun,  wenn  Sie  genügend  Zeit  für  sich
hätten?  Dieser  Frage  wurde  eine  ganz  besondere  Aufmerksamkeit ­
  gewidmet,  da,  merkwürdig  genug,  immer  und  immer
wieder  die  Antwort  erfolgte:  „Malen,  Kunstbetätigung“.  Die
Kunst  wurde  für  diese  gehetzten,  ruhelosen  Menschen  vielfach
ein  Faktor  seelischen  Gleichgewichts.  In  die  Kunst  retteten
sie  hinüber,  was  ihnen  die  Wirklichkeit  nicht  halten  konnte  *.
Ein  Maschinist  schreibt:  „Verletzt  'durch  die  Manieren  meiner
Altersgenossen,  abgestoßen  von  der  Inhaltlosigkeit  ihrer  Bedürfnisse, ­
  zog  ich  mich  bald  von  allen  zurück.  Ich  fing  an,
zu  malen,  meiner  selbst  willen  malte  ich.  Es  war  mir  ein  Trost
und  ward  mir  zur  Fundgrube  der  köstlichsten  Freude.  Dem
Spott  von  seiten  meiner  Frau  trotzte  ich,  und  schweigend  verzieh ­
  ich  der,  die  mich  nicht  verstand.  Ich  male  und  zeichne
nach  zehn-  bis  zwölfstündiger  Arbeit  an  der  Maschine.  Gestalten, ­
  Bilder  drängen  sich  vor  meinem  geistigen  Auge.  O  daß
ich  sie  alle  malen  könnte.  Ach  wär’  ich  frei.  Ein  heulender  Ton
im  nächtlichen  Morgen  ruft  mich  zur  Arbeit.  Die  hereinbrechende
  Nacht  findet  mich  daheim  bei  Weib  und  Kind.  Die
Sorge  ums  tägliche  Brot  und  die  Zukunft  ist  unser  Gast,  doch
ich  bin  heiter,  ich  bin  glücklich.  Getreu  bleibe  ich  der  Arbeit  und
der  Kunst.“  Ein  Metallarbeiter:  „Ehe  ich  schlafen  gehe,  muß
ich  erst  noch  einmal  mein  letztes  Bild  ansehen.  Meine  Kinder
sprechen  immer:  „Da  hat  der  Papa  erst  geklagt,  daß  ihm  die
Glieder  vom  Arbeiten  wehe  tun,  aber  seine  Bilder  sieht  er  noch
einmal  an,  ehe  er  schlafen  geht.“
Ein  Maschinenbauer:  „Man  sagte  mir,  wenn  ich  mich  als
Schlosser  den  Tag  über  müde  gearbeitet  hätte,  würde  mir  schon
die  Lust  an  der  Malerei  vergehen.  Das  war  aber  nicht  der
Fall.  Ich  malte  abends  und  Sonntags  bis  in  die  Nacht  hinein.  In
meinem  Beruf  aber  blieb  ich  zurück  oder  arbeitete  nur  ganz
mechanisch.“  Ein  Förster  Weber:  „Ich  zeichne  und  male  zu
meiner  Erholung  und  zu  meinem  einzigen  Vergnügen,  und  wenn
*  Arbeirer-Dilettanten-Kunstausstellung,  ve  anstaltet  vun  Adolf  Levenstein,
1.  November  1909  bis  30.  Januar  1910,  Bei  li>  .
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