Full text: Die Arbeiterfrage

nert an ein Wort von Geibel, das sich in einem Winkel meines 
Kopfes eingeniestet hat: 
„Euch zur Lust, Ihr Reiser schwank, 
Möchten Unter Euren Kronen, 
Rauschet ihr den Wald entlang, 
Menschlichkeit und Freiheit wohnen.“ 
Ein Metallarbeiter: „Im Walde auf dem Rücken liegend, 
über mir die mächtigen, uralten Baumriesen, in den blauen 
Äther starrend, wissen mir meine Freunde da draußen gar Vieles 
zu erzählen. Eine mächtige Linde ruft mir zu: Du arm 
seliges Menschenkind, warum ließest Du Dich knechten? 
Warum ließest Du Dich in eine Form pressen, in die 
Du nimmermehr passen wirst? Siehe, wir wollen kein 
anderes Leben führen als zu dem wir bestimmt sind, und 
sterben lieber, wenn man uns hier wegholt. Dabei schwenkt sie 
die Äste, daß es nur so kracht. Verteidigen kann ich mich 
nicht und denke, daß sie recht hat. Besser, ich bleibe liegen 
und sage dieser erbärmlichen Welt Valet. Doch was sagte eben 
das Bächlein? Ich höre es deutlich murmeln: Es wird! Es wird! 
Ich besinne mich .... ja, es wird. Gleich wie Du Deinen Weg 
erst hast bahnen müssen, bevor Du Dich in das weite Meer 
ergießen konntest, will auch ich aushalten. Es wird, es muß 
werden.“ etc. etc. 
Eine große Zahl der Charakterstika, mit denen der Wald, 
Landschaft etc. beschrieben wurde, sind augenscheinlich mora 
lischer Färbung. Die „ernste“, die „erhabene“, „majestätische“ 
Landschaft, das „friedliche“ Landschaftsbild, der „stolze Strom“, 
die „trotzigen Eichenriesen oder Felswände“, das „friedliche 
Schweigen“, alle diese überaus vielfach angewandten Bezeich 
nungen schieben der Landschaft menschliche Charakterzüge 
mehr oder minder ausgesprochener ethischer Qualität unter, 
öfter spielen auch an sich ästhetische Epitheta wie „sanft“, 
„freundlich“ und ähnliche in diese ethische Färbung hinüber, 
und gelegentlich kehren landschaftliche Beiwörter, die dann 
bildlich auf menschliche Eigenschaften angewandt sind, auf 
diesem Umwege zu ihrem Ursprungsworte zurück. Wenn von 
der „knorrigen Eiche“ die Rede ist, so wird mdxst nicht bloß 
an die entsprechende morphologische Eigentümlichkeit und deren 
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