Full text : Die Arbeiterfrage

5

Der  gewöhnliche  Weg,  mit  Hilfe  der  Gewerkschaften  vollwichtige
Resultate  zu  erzielen,  wurde  bald  auf  gegeben,  ebenso  der  Versuch, ­
  die  Formulare  in  Versammlungen  zu  verbreiten  Und  einzusammeln. ­
  In  letzteren  schwindet  zumeist  die  bewußte  Persönlichkeit, ­
  die  bekannte  Kollektivseele  bildet  sich,  die  dem  Gesetz
der  geistigen  Einheit  der  Massen  unterliegt.  Zunächst  war  es  in
diesen  Massenansammlungen  immer  wieder  von  Interesse,  zu
beobachten,  wie  die  Massenphantasie  gleichförmig  gebildet  wurde.
Irgendwoher  tauchten  bestimmte  Thesen  auf,  die  von  Mund
zu  Mund  suggeriert  —  —  das  Resultat  ein  überaus  großer  Eingang ­
  gleichlautender  Antworten.
Ein  anderer  Weg  wurde  eingeschlagen.  Hat  man  den  einzelnen ­
  vor  sich,  so  darf  man  im  allgemeinen  hinreichende  Differenzierung ­
  seiner  Seelenkräfte  voraussetzen,  die  den  Versuch
rechtfertigt,  zunächst  auf  seine  Gefühle  zu  wirken.  Aber  auch
dieser  Versuch  persönlicher  Einwirkung  glückte  nur  teilweise;
gleich  vielen  primitiven  Naturen  kriecht  der  Arbeiter  leicht  in
eine  andere  Hülle,  wenn  er  dem  Menschen  einer  andern  Klasse
gegenübertritt.  Ein  dritter  Weg  sollte  endlich  die  Basis  eines
Erfolges  bilden  helfen.  Zunächst  wurden  tausend  Erhebungsformulare ­
  mit  einem  Freikuvert  und  folgendem  Begleitschreiben
an  befreundete  Arbeiter  versandt:
„Lieber  Freund!
Eine  große  Bitte  ergeht  an  Sie.  Möchte  etwas  wissen
von  Ihrem  Fühlen  und  Denken,  wie  die  Arbeit  auf  Sie
einwirkt,  welche  Hoffnungen  und  Wünsche  Sie  haben.  Ein
stilles  Stündchen  wird  sich  wohl  finden,  beifolgenden  Fragebogen ­
  auszufüllen.  Auch  an  Ihre  Frau  ergeht  dieselbe  Bitte.
Schreiben  Sie  so  recht  aus  der  Seele  heraus.  Kein  Name
wird  genannt.
Im  voraus  Dank  und  Gruß.  “
Der  Appell  an  die  Arbeiterfrau  kann  wohl  als  ein  Fiasko  bezeichnet ­
  werden,  wenn  auch  von  141  Arbeitern  Briefe  mit  der
Versicherung  vorliegen,  meine  Frau  denkt  ebenso  wie  ich.  Die
Vermutung  ist  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  daß  die  Arbeiterfrauen ­
  nicht  allzu  tiefes  Verständnis  für  die  Fragebogen  dokumentierten, ­
  da  immerhin  64  Briefe  eingingen,  worin  öfters  recht
drastisch  betont  wird:  Meine  Frau  läßt  mich  nicht  schreiben,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.