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den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In Irland finden wir
einen relativ größeren Prozentsatz der landwirtschaftlichen Be
völkerung, obgleich die irländischen Pächter in gewaltiger Zahl
ausgewandert sind.
Aus Rußland, das den größten Prozentsatz der landwirtschaft
lichen Erwerbstätigen aufweist, wird Getreide ausgeführt. Zieht
man aber in Betracht, daß diese Ausfuhr hauptsächlich auf Kosten
des inneren Konsums vor sich geht, so läßt sich daran zweifeln,
ob Rußland (mit Ausnahme der südlichen und südöstlichen Grenz
gebiete) wirklich einen „Getreideüberschuß“ produziert.
Unter den angeführten Ländern stellen also die Vereinigten
Staaten gewissermaßen eine Art Unikum dar: trotz dem geringen
Prozentsätze der landwirtschaftlichen Erwerbstätigen führen sie
jahraus, jahrein Getreide in gewaltigem Maße aus und drücken
auch die Preise in den „Industrieländern“ herab. Es ist bekannt,
daß die Agrarkrisis in Europa nicht ohne Grund auf die trans
ozeanische Konkurrenz zurückgeführt wird. Wodurch wird aber
diese Konkurrenz erklärt?
In seiner interessanten Schrift „Die Kolonialpolitik und der
Zusammenbruch“ fragt Parvus: „Worin bestand die landwirt
schaftliche Übermacht Amerikas?“ Und er antwortet: „Man ver
weist immer auf seine extensive Kultur. Allerdings, der Boden
gibt dort kleinere Erträge, erfordert aber auch viel weniger Arbeit.
Doch die Hauptsache war, daß es freier Boden war, ein
Boden, der noch keine Grundrente trug. Die Amerikaner
hatten keinen Grundherrn zu bezahlen.“ (S. 34.)
„Aber,“ fährt Parvus fort, ,,so billig auch die Getreideproduk
tion war, so war doch der Transport über den Ozean immer
schwierig und kostspielig . . . Darum war eine weitere Bedingung
der amerikanischen Getreidekonkurrenz auf den europäischen
Märkten die Entwicklung der Dampfschiffahr t.“
Parvus erklärt also die amerikanische Konkurrenz einmal
durch das Vorhandensein von „freiem“, durch Grundrente nicht
belastetem Boden und zweitens durch die Entwicklung der Trans
portmittel.