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In Wahrheit, die Zeiten der Leichtfertigkeit und Frivolität waren
vorüber; ein tiefer Ernst ergriff das Leben; wer mochte helfen, wenn
nicht Gott und mit Gottes Beistand die sittliche Kraft aller, des Volkes
Treue, der „Wille freier Männer“. Wundervoll, wie man sich inner—
lich aufrichtete. Die Königin schrieb: „Der Krieg, der so viel unver—
meidliches Übel über die Nation brachte, hat auch manche schöne Frucht
zur Reife gebracht und für vieles Gute den Samen ausgestreut; ver⸗
einigen wir uns, ihn mit Sorgfalt zu pflegen, so dürfen wir hoffen,
den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend reichlich zu ersetzen.“
Und in einem Briefe an ihren Vater:
„es wird mir immer klarer, das Alles so kommen mußte, wie es gekommen
ist. Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein und es soll
eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat und in sich
selbst als abgestorben zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren
Friedrichs des Großen, der, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf.
Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns; das sieht
niemand klarer ein als der König. Noch eben hatte ich mit ihm darüber eine lange
Unterredung und er sagte, in sich gekehrt, wiederholentlich: das muß auch bei
uns anders werden.“
Welch ein Arbeiten nun beginnt. Um den König her jene unver—
gleichliche Schar kühner, treuer, hochherziger Männer: die Scharnhorst,
Humboldt, Niebuhr, Stegemann, Boyen, Morgenbesser, Schön, wer nennt
sie alle. Was ein wackerer Genosse jener Zeit von den Kriegsmännern
des preußischen Freiheitsheeres sagt, gilt auch von ihnen: „es war eine
große Zeit, wo sich ein Häuflein edler Menschen durch Gottes Fügung
und durch des eigenen Herzens Sendung zur Rettung und Befreiung
des Vaterlandes in einer großartigen Gemeinschaft zusammengefunden
hatte; ich nenne statt vieler die Namen Blücher, Gneisenau, Boyen,
Grollmann; wenn man diese Männer einzeln, jeden für sich betrachtete
und wog, so ließ sich kaum eine größere Verschiedenheit der Charaktere
denken, und doch ist ihnen das Seltsame gelungen, durch einträchtige,
beständige Tugend, die sich immer dem Zweck und der Pflicht unter—
ordnete, als wenn nichts Eigenes und Besonderes in ihnen gewesen wäre,
das Größte zu vollbringen.
In solcher Tugend höchster Selbstverleugnung und Hingabe an das
Vaterland ward das neue Preußen auferbaut. In ihr erst gewannen
jene Erkenntnisse, die sonst nur Mißstimmung und bitteren Hader ge—
nährt hatten, jenes Vorwärtsdrängen der jüngeren Männer, das so lange
durch die Trägheit der Zustände und den herkömmlichen Mechanismus
des Offentlichen gehemmt war, es gewann jene Pflichttreue, die Kants,
jener sittliche Zorn, den Fichtes Lehre geweckt hatte, Raum sich zu be—
täätigen. Lernen wir von unserer Zeit, was es heißt, daß ein Mann
fehlt; weder Talent noch Vielseitigkeit noch Eifer noch Tendenz ersetzt
ihn. Einen Mann, einen mächtigen, festen, kühnblickenden, fand jene
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