Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 391
zuletzt zum Guten“ 1 ): In diesem Punkt erklärt er besonders, sich voll
ständig vom Sozialismus zu trennen, für den er, wie wir sehen werden,
doch viele Sympathien hatte: „Aber“, sagt er, „ich bin einfach ein über
zeugter Gegner des bezeichnendsten und schärfsten Teiles seiner Lehre,
nämlich seiner Tiraden gegen die Konkurrenz“. i
Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß die klassische Schule,
wenn sie die Herrschaft der freien Konkurrenz befürwortet, damit keines
wegs die bestehenden Zustände rechtfertigen will; der Vorwurf, den man
ihr so häufig aus diesem Grunde macht, beruht, gerade wie der des Egoismus,
auf einer Begriffsverwechslung. Die Klassiker (die alten wie die neuen)
beklagen sich im Gegenteil darüber, daß die freie Konkurrenz nur erst
höchst unvollkommen verwirklicht ist. Wir haben angesehen, welchen
großen Platz Senior dem Monopol in der heutigen wirtschaftlichen
Organisation zuschreibt. Die Herrschaft der freien Konkurrenz ist heute
ebensowenig verwirklicht, sagen sie, wie die Herrschaft des Sozialismus:
es ist daher ebenso ungerecht, sie auf Grund der gegenwärtigen Fehler
beurteilen zu wollen, als wenn man den Kollektivismus auf Grund dessen
beurteilen wollte, was sich zum Beispiel in den Staatswerkstätten begibt.
3. Das Gesetz der Bevölkerung. Dieses Gesetz nimmt einen sehr
großen Platz in der klassischen Doktrin ein, und sogar die optimistischen
Nationalökonomen wagen es nicht, ihm geradenwegs zu widersprechen.
''°n den Volkswirtschaftlern ist Stüart Mill am meisten von ihm durch
drungen. Er geht sogar viel weiter als Malthos, weil er sich nicht auf
rein ökonomische Gründe stützt, sondern auch auf moralische, die Maltiius
weniger bekümmert zu haben scheinen, nämlich die Achtung des Rechtes
und der Freiheit des Weibes, die kaum befragt wird, wenn es sich darum
bandelt, ihr die Mutterschaft aufzubürden 2 ). Hierin ist daher Stüart
Mill schon Neo-Malthusianer. Die Tatsache, eine zahlreiche Familie
haben, erscheint ihm wie der Ausdruck eines Lasters, das ebenso ekel-
a ft ist, wie die Trunksucht 3 ). Und wiederholt erklärt er, daß die Arbeiter-
, ') Auguste Comte and the Positivism (S. 78 der franz. Übers, von
^lemenceau).
2 ) »Es ist niemals durch den Willen der Frau, daß die Familien zahlreich werden:
u der Frau lastet außer den physischen Schmerzen und ihrem Teil der Entbehrungen
^Unerträgliche Hausarbeit, die sich aus einer zu großen Kinderzahl ergibt“ (Prin-
’ples, Bd. I, II, Kap. 13, § 2) Diese Beobachtung scheint uns nicht richtig zu sein,
wiwiß w i r d die Mutterschaft zuweilen durch einen Trunkenbold oder einen Rohling
u Frau aufgedrungen, aber zumeist ist es der Mann, der die antikonzeptionellen
tuktiken der Frau gegen ihren Willen auf zwingt.
’) »Während ein Mann, der sich betrinkt, von allen anstänidigen Leuten ver
übtet und verabscheut wird, so ist dagegen einer der hauptsächlichsten Gründe, mit
e >a sich die Menschen an die Wohltätigkeit wenden, der, daß der Bittsteller eine
a r eiche Familie zu ernähren habe!“ (Bd. I, II, Kap. 13, § 1).
Und als Anm.: „Man kann kaum hoffen, daß die Moralität Fortschritte mache,
an ge man nicht dazu gelangt ist, den Kinderreichtum mit derselben Verachtung