316 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Napitel.
auch noch viel später die allgemeine Konstellation der Mächte
noch immer durch den Gegensatz Rußland-Preußens einerseits
und Österreich-Frankreichs anderseits bestimmt wurde, während
sich England durch den wiederum beginnenden Kampf um
Nordamerika den europäischen Dingen auf längere Zeit bis zu
einem gewissen Grade entzogen sah, so mußte es Ästerreichs
Bestreben sein, Rußland von Preußen zu trennen. Und hiermit
hatte Kaunitz noch vor dem Abschlusse des russisch-türkischen
Friedens begonnen. Brüsk brach er mit den Türken, nachdem
er sich noch eben heimlich mit ihnen verbündet hatte, nicht ohne
ihnen zugleich, wie vorher die kleine Walachei, so jetzt einen
Teil der Moldau, die Bukowina, als angeblich einstmaliges An—
hängsel von Galizien, abzunehmen. Doch hatten die Ver—
suchungen Rußlands durch Osterreich schließlich keinen Erfolg
zehabt; Friedrich war es gelungen, sein Bündnis mit Ruß—
land im Zahre 1776 auf geraume Zeit, bis zum 31. März
1788, zu verlängern: und so stand er im Anfange des Jahres
1778 den bayrischen Ereignissen gegenüber frei und gerüstet da.
Und alsbald, noch in der Nacht des Tages, da er vom
Ableben des bayrischen Kurfürsten unterrichtet worden war,
hatte er eingegriffen. Natürlich kam es dabei, sollten die
Pläne des Kaisers vereitelt werden, darauf an, ein erbberechtigtes
Mitglied des pfälzisch-wittelsbachischen Hauses zum Protest
gegen den Vertrag zwischen Karl Theodor und österreich zu
veranlassen. Ein solches Mitglied fand sich schon in dem
nächsten erbberechtigten Agnaten, dem Herzog Karl von
Pfalz⸗Zweibrücken. Und so legte dieser und mit ihm vereint
König Friedrich am 16. März bei dem Reichstage zu Regens—
burg gegen das Vorgehen sterreichs Verwahrung ein, und am
26. März verbürgte König Friedrich dem Herzog Karl ver—
tragsmäßig sein bayrisches Erbrecht.
Nachdem aber die Angelegenheit auf diese Weise amtliche
Reichssache geworden war, zeigte sich bald, und noch mehr als
früher, daß die Mehrheit der Reichsstände mit ihren Sympathien
auf preußischer Seite stand. Wenn aber Friedrich geglaubt
hatte, die Teilnahme der Reichsstände werde bis zu einer