Full text: Zum Kampf um die wirtschaftliche Selbständigkeit des Klein- und Mittelbetriebes

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fest die Hand zum gemeinsamen Kampf um 
ihre selbständige Existenz gegen Machtaus 
beutung des Ueberkapitalismus. 
Wenn heute aber der christliche Mittelstand 
deutlich erkennt, dass die kapitalistische Kon 
zentrationsbewegung gar nicht eine Auswirkung 
jüdischer Intelligenz ist, sondern die überwiegende 
Mehrheit jüdischer Kaufleute sich treu in Reih 
und Glied stellt, um für die Erhaltung der wirt 
schaftlichen Selbständigkeit mit ganzer Kraft 
zu kämpfen, dann wird sich der Boden 
des Antisemitismus naturgemüss von selbst 
auflösen. 
Die entschiedene Kampfstellung des jüdischen 
Mittelstandes, die Entwicklung der notwendigen 
Energie fehlt. Wenn das Judentum den Anti 
semitismus ehrlich beklagt, in ihm eine un 
gerechtfertigte Erscheinung erblickt, dann hat es 
doch unbedingt die Pflicht, die Ursachen zu 
suchen, und sich in den Dienst einer kraftvollen, 
mit Intelligenz geleiteten Bewegung zu stellen 
neben, und mit dem christlichen Kaufmann und 
Handwerker die Pflicht, gegen die Ueberspannung 
des Kapitalismus den Kampf aufzunehmen. Man 
fürchtet sich aber fast vor einer grundsätzlichen 
Prüfung des Problems. Solange der nackte Geld 
erwerb im Vordergrund steht, fliegen Ehrlichkeit 
und sittliche Treue über Bord, und ist für einen 
Idealismus, der die Wahrheit und wirkliches 
Menschentum, Ehrlichkeit und Nächstenliebe 
sucht, kein Raum da. Eine Untersuchung des 
Mittelstandsproblems, die sich scheut, auf die 
Erscheinung der konfessionellen Zerrissenheit, 
auf das Problem des Antisemitismus einzugehen, 
ist jedenfalls schon wegen dieser Unterlassung 
anfechtbar. 
Das Mittelstandsproblem 
A uf wirtschaftspolitischem Gebiet bildet die so 
genannte «Mittelstandspolitik" das traurigste 
Kapitel. Die Ursachen liegen in der man 
gelnden Gründlichkeit, die Lebensfaktoren des 
Mittelstandes zu erkennen, wie sie innerhalb der 
grosskapitalistischen und staatssozialistischen Ent 
wickelung der Gegenwart bestehen, auch in dem 
Mangel an gutem Willen, ln der Mittelstands 
politik spielen heute noch die gleichen Fragen 
die ausschlaggebende Rolle, die man herausge 
griffen hat, seitdem die Mittelstandsfrage über 
haupt ein wirtschaftspolitisches Problem ge 
worden ist. Alle diese Fragen und Aufgaben, 
Submissionen, Borgunwesen, Buchführung, 
Handwerkskammer usw. treffen aber im wesent 
lichen nur Teilaufgaben und lassen die Quellen 
unberührt, aus denen die den Mittelstand zer 
störenden Kräfte fliessen. 
Das Miltelstandsproblem wird von zwei Haupt 
tragsäulen getragen, einer ehtischen und einer 
finanziellen. Alle anderen Fragen und Auf-’ 
gaben, die man bis jetzt behandelt, sind nur 
Untermauerungen dieser Hauptstützen des 
Problems. Die ethische Säule zeigt den psycho 
logischen Druck, der zum Qelderwerbs- 
wahnsinn führt und ausläuft in den geltenden 
Prinzipien der Auszeichnungen der Träger des 
Kapitalismus und Ueberkapitalismus durch 
Titel und Orden. Die finanzielle Säule ist das 
Problem der Kapitalskonzentration in den Banken, 
vor allem das Depositensystem und die Ent 
ziehung der Geldmittel des Mittelstandes für 
Mittelstandszwecke und ihre Zuführung zur 
Speisung der Qrossbetriebe, d. h. von Kon 
kurrenten und Vernichtern des wirtschaftlich 
selbständigen Mittelstandes. 
Beide Probleme, beide Säulen finden sich in 
den Programmen der Mittelstandpolitik nicht. 
Der Standpunkt der kapitalistischen Kreise ist 
heute vorwiegend folgender: Der Mittelstand ist 
dem Untergang unabwendbar geweiht. Er ist 
nicht mehr zeitgemäss. Technische und wirt 
schaftliche Gründe bedingen den Grossbetrieb. 
Auf der anderen Seite haben die dem Staats 
sozialismus zustrebenden Kräfte, das organisierte 
Proletariat, an der Mittelstandserhaltung gar kein 
Interesse. Sie haben das grösste Interesse an der 
grosskapitalistischen Entwicklung, an der 
ständigen und beschleunigt fortschreitenden 
Aufsaugung, an der ungesunden Ueber 
spannung des kapitalistischen Prinzips, da dieser 
rapid die Grossbetriebe vermehrt und die vor 
handenen Qrossbetriebe in Riesenbetriebe über 
führt. Diese sind aber unerlässlich, um den 
sozialistischen Schritt zu tun, die Riesenbetriebe 
in Staatsbetriebe überführen zu können durch 
einen einfachen Verwaltungsakt. 
Die ethische Säule umfasst das Problem der 
Persönlichkeit, das Problem der Aus 
wirkung der wertvollsten persönlichen Eigen 
schaften und Kräfte in der wirtschaftlichen 
Selbständigkeit. 
An Stelle des wirtschaftlich selbständigen 
Mittelstandes ist bereits teilweise ein neuer 
Mittelstand der Privatangestellten getreten in 
Bezug auf die Einkommenverhältnisse. An
	        
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