Disputation A
8. Durch das tiefere Eindringen in den Kernpunkt einer
Frage und die allseitige objektive Anerkennung des Wahr-
heitsgehaltes in den Argumenten der Gegner erweist sich
die Disputation, wie schon früher hervorgehoben wurde,
auch als geeignetes Mittel, das Wissen zu vertiefen und eine
fruchtreiche selbsttätige Mitarbeit der Studierenden anzuregen.
9. So verdient die Disputation trotz ihres mittelalter-
lichen Ursprungs und Charakters doch auch einen Platz
unter den seminaristischen Übungen des zwanzigsten Jahr-
hunderts, Sie wird sich aber ihrer Natur nach vorzüglich
für jene Fächer eignen, bei welchen das Hauptgewicht
auf die spekulative Begründung, Ausgestaltung und Weiter-
bildung einer Lehre gelegt wird. Sie kommt daher vor-
nehmlich für die Seminare der eigentlichen philosophischen
und der spekulativen dogmatischen und moralischen Wissens-
zweige in Betracht.
Reichhaltige bibliographische Angaben über die Disputation bietet
Wilhelm Erman in: Erman-Horn, Bibliographie der deutschen Univer-.
sitäten 1 (Leipzig und Berlin 1904) p. 340—-8 (17,9 n. 7162—7322). Das
Buch des Juan Luis Vives De Disputatione vom Jahre 1531 verdiente
unter den älteren Schriften einen Platz.
Der Wert der disputatorischen und konversatorischen Übungen
wurde auch seitens der höchsten Unterrichtsbehörden wiederholt an-
erkannt. Hettinger führt einen Erlaß des preußischen Ministeriums vom
17. April 1844 an (aaO. 189), in welchem gegenüber der einseitig akro-
amatischen Methode der meisten Disziplinen an den modernen Hoch-
schulen „das Zurücktreten einer Unterrichtsform bedauert wird, wodurch
ein geistiger Verkehr zwischen Lehrer und Lernenden sonst bei allen
Unterrichtsgegenständen vermittelt wurde. Früher waren mit den
zusammenhängenden Vorträgen disputatorische und conversatorische
Übungen verbunden, in welchen sich die Blüte der wahren Lehr- und
Lernfreiheit zeigte“ usw.
Gerade diesen Übungen eignet also in besonderer Weise jener
Vorzug, welchen man zur Hebung des modernen Hochschulunterrichtes
durch die seminaristische Bildungsweise anstrebt. Hettinger empfiehlt
daher mit Recht seinem Timotheus: „Nehmen Sie fleißig Anteil an
den Disputationen; sie sind die beste Palästra des Geistes, sie üben
den Scharfsinn, schärfen die Urteilskraft, sind eine Schule strenger
Logik und leiten Sie an, den fraglichen Gegenstand nach allen Seiten
zu betrachten und zu durchdringen. So gewinnen Sie eine feste Basis
für Ihre ganze wissenschaftliche Zukunft“ (aaO. 392 f).
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