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stellen oder nicht, scheint sich beim ersten Anblick selbst zu verur
teilen, weil es häufig bedeuten kann, daß ein Wahlkreis durch den Er
korenen seiner Minorität vertreten wird. Und wären „dreieckige“
Wahlen allgemein, so träfe es auch zu. Doch dieser Grund verbietet
es gerade, daß solche Kämpfe zur Regel werden. Unter unserem Sy
stem müssen die Parteien ihre Aussichten abschätzen. Es ergibt sich,
daß dieses Ringen einem allgemeinen Gesetze der Durchschnittsberech
nung gehorcht und in ein Verhältnis zu den Chancen und der Stärke
der Parteien gesetzt wird. Und dies geschieht, weil die Parteiorgani
sationen die Wahrscheinlichkeiten abzuwägen haben. Bei den letzten
allgemeinen Wahlen trugen in wenigstens 70 oder 80 Fällen die Wahlen
den Charakter von Stichwahlen 1 . Die Parteien hatten ihre Stärke ge
prüft, ihre Interessen genau ermittelt und dann nicht in Übereinstim
mung mit ihren abstrakten Rechten, sondern mit den sie umgebenden
Umständen gehandelt.
Unser gegenwärtiges Wahlverfahren begünstigt politisch aktive Mi
noritäten. Die ihm anhaftenden Ungewißheiten ermöglichen es einer
neuen, aggressiven und begeisterten Bewegung, die sich noch in kei
nem Wahlkampfe erprobt hat, alten Parteien einigen Schrecken ein
zuflößen, mit ihrem Geiste und mit ihrer Stimmenmacht ein Maximum
von Eroberungen zu machen. Deshalb werden solchen Bewegungen in
ihren frühen und kritischen Stadien, nachdem sie die erste Prüfung
1 Ich möchte die Tatsache unterstreichen, daß heute schon viele unserer parla
mentarischen Wahlkämpfe den Charakter von Stichwahlen tragen, wo je ein
Arbeiterparteiler oder ein liberaler Kandidat bei der Entscheidung nicht mehr
ln Frage kommt. Weit davon entfernt, die Bewerbung der Arbeiterpartei um
Einfluß zu unterdrücken oder die Reaktion zu begünstigen, hat unser heutiges
System meiner Meinung nach den Arbeiterkandidaten Chancen gegeben, die
ihnen eine Stichwahl nicht gewährt hätte. Auch ist es ein großer Anreiz zu einer
energischen politischen Tätigkeit gewesen. Ich bleibe deshalb dabei, daß diese
Ergebnisse gebührend berücksichtigt werden müssen, wenn man irgendwelche
besondere Art des Wahlverfahrens beurteilt. Ein Einwand, der oft von Sozia
listen, besonders von jenen, die die Proportional Vertretung fordern, hiergegen
erhoben wird, ist, daß dieses System sie der Gnade anderer Parteien überliefere.
Doch das ist nicht richtig; denn die übrigen Parteien können nicht nach Belieben
launenhafte Dinge tun, sondern sie haben zu überlegen, was hinsichtlich der be
stehenden Verhältnisse die angemessenste Politik ist. Einerder hauptsächlichsten
Faktoren dieser Umstände ist nun aber eine rührige dritte Partei. Der Einwand
ist auch sonst noch irrelevant. Werden die sozialistischen Kandidaten ins Par
lament gewählt, so haben sie die neue Gesellschaft nicht durch revolutionäre
Mittel anzustreben, sondern auf dem Wege der organischen Umwandlung. Wäre
ihre Methode revolutionär, so müßten sie notwendig darauf achten, daß sie nur
sozialistische Stimmen erhielten. Da ihre Methoden aber evolutionär sind, so
brauchen ihnen die für sie eintretenden Wähler nur bei der Ausführung ihres un
mittelbaren Programmes zu folgen.