Full text: Sozialismus und Regierung

körpers die Stärke in Zucker verwandelt, so empfängt der Tischler 
durch einen ähnlichen Vorgang Schuh waren für seine Tische. Die 
Produzenten liefern der Gesellschaft die Lebensmittel, die aifsge- 
tauscht, verteilt und ihr auf eine Weise zugeführt werden, daß der 
politische Körper leben, blühen und gedeihen kann. Erst wenn die 
verschiedenen nationalen Einheiten fixiert sind und der in der mili 
tärischen Organisation zum Ausdruck kommende politische Kampf 
ums Dasein infolgedessen aufgehört oder an Bedeutung verloren 
haben wird x , wird das Hauptinteresse der Gesellschaft um die soziale 
Ernährung gravitieren, genau wie für den lebenden Körper die physio 
logische Ernährung den ersten Rang behauptet. Keinem Gebiete der 
soziologischen Forschung wird heute größere Aufmerksamkeit ge 
widmet als gerade diesem. Die Untersuchungen der Herren Charles 
Booth und Rowntree, die Regierungsenqueten über die körperliche 
Entartung, die sozialen Studien über Geisteskrankheiten und die Ur 
sachen des Selbstmordes, die von der politischen Agitation ventilierten 
Fragen der Arbeitslosigkeit, der physischen Beschaffenheit der Schul 
kinder und der Einführung der staatlichen Altersversicherung — mit 
Ausnahme des Sozialisten, der in ihnen ein die Epoche charakterisieren 
des Merkmal der Entwicklung sieht, erscheinen all diese Bestrebungen 
jedem anderen als zusammenhangslos, ad hoc, aufs Geratewohl unter 
nommen ■— sind Beiträge zum Problem der sozialen Ernährung und 
beweisen die Unzulänglichkeit der bestehenden Anfänge eines gesell 
schaftlichen Ernährungssystems. Unvermeidlich muß dies zu Ideen 
und Experimenten führen, die die Vernünftigkeit und Durchführbar 
keit des Sozialismus dartun werden. 
Man kann den Sozialismus in der Tat nicht besser definieren, als 
daß er diejenige Phase der sozialen Organisation repräsentiere, in der 
von Staats wegen ein zweckmäßiges Ernährungssystem für die Ge 
sellschaft errichtet wird. Die demokratische Regierung aber kündigt 
diesen Umschwung an. Für die Notwendigkeit des Staates in der 
sozialistischen Gesellschaft sprechen auch noch weitere Gründe. Das 
Ernährungssystem muß in seinem Verhältnis zum ganzen Körper und 
nicht zu den einzelnen Teilen bestimmt und von dem ganzen Organis 
mus durch ein Nervensystem differenzierter Funktionen beaufsich- 
1 Obwohl natürlich bis zur Zeit, wo die friedliche Schlichtung nationaler Kon- 
flikte fest gesichert ist, die Landesverteidigung in jedem Augenblicke von größter 
Bedeutung werden kann. 
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