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würde er heimgeschickt werden als viel zu unwissend, um mit der Be
fugnis ausgestattet zu werden, für einen parlamentarischen Vertreter
zu stimmen.
V ergebens sehen wir uns nach mechanischen Mitteln um, die uns
die Scheidung der guten von den schlechten Staatsbürgern ermög
lichten. Unbedeutend sind die vorhandenen Kennzeichen wie Irrsinn
und Verbrechertum; an sie reiht sich das Erwachsensein, da das Indi
viduum vor dieser Periode dem Kinde an Erfahrung gleicht, dessen
Geist noch nicht genügend geschult ist, gültige Entscheidungen zu
treffen. Seine Fähigkeiten haben sich bis dahin zu üben und sich auf
die bevorstehenden Verantwortlichkeiten vorzubereiten 1 . Ausländer
müssen ebenfalls vom Wahlrecht ausgeschlossen werden, da sie dem
Staate nicht zur Gefolgschaft verpflichtet sind, sondern sich nur in
ihm aufhalten und seine Gäste sind. Doch schädlich und unklug wäre
es, über diese einfachen und handgreiflichen Gründe des Ausschlusses
vom Wahlrecht hinauszugehen. Der einzige Prüfstein ist das Leben,
die Erfahrung, und der einzige Schutz die Pflege eines guten staats
bürgerlichen Sinnes, der sozialen Intelligenz und des sittlichen Gefühls.
Der Staat muß alle zur Mitarbeit herbeirufen, und er kann sich nur
selbst beschützen, wenn er darauf sieht, daß überdemGanzenUmstände
walten, die ein rationelles Leben ermöglichen und ein gutes erleichtern.
Und wir dürfen nie vergessen, daß die Unwissenheit und der antisoziale
Geist, auch wenn sie wahlunfähig sind und politisch nicht anerkannt
werden, den Staat genau so bedrohen, als wenn sie wählen könnten.
Am Ende beherrschen doch die allgemeine öffentliche Meinung, die
allgemeinen nationalen Ideale, die allgemeine geistige Emsigkeit und
die moralischen Aspirationen die Situation. Sie können durch das Mo
nopol der politischen Gewalt einer Klasse gehemmt oder verwirrt wer
den, bei der Entscheidung geben sie trotzdem den Ausschlag, wie das die
Reformkämpfe in den ersten sechs Dezennien des 19. Jahrhunderts
bewiesen haben. Viel ratsamer ist es, der Unwissenheit und dem anti
sozialen Geiste die Verantwortlichkeiten, die sie in Wirklichkeit schon
1 Man hat als passenden Zeitpunkt für die Anerkennung der Mannheit das
21. Lebensjahr angesetzt. Doch dies scheint mir mit Rücksicht auf die Erzie
hung, die heute unserer J ugend gegeben wird, und auf dieVerantwortlichkeiten,
die die meisten der jugendlichen Personen im gewerblichen Leben vor dieser
Zeit übernehmen müssen, etwas zu hoch zu sein.