Schwefel
401
Schwefel
des Raumes unter 112 0 bleibt, als feines kristal
linisches Pulver — Schwefelblumen (lat. Flo
res sulfuris seu Sulfur sublimatum, frz. Fleurs
de soufre, engl. Flowers of sulphur) — ver
dichtet. Nehmen aber im weiteren Verlauf der
Destillation die Kammerwände die Temperatur
an, bei welcher der S. schmilzt, so können sich
keine Schwefelblumen mehr bilden, sondern aller
S. sammelt sich im geschmolzenen Zustande im
unteren Raume an. Hier wird er von Zeit zu
Zeit abgelassen und in Formen gegossen, größ
tenteils zu den bekannten Stangen — Stangen
schwefel — oder auch zu Broten. Von den
wichtigsten Ausfuhrhäfen für den sizilianischen
S., Girgenti, Katania und Licata, werden jähr
lich etwa 200—300 Millionen Kilogramm in den
Handel gebracht. Der in der Romagna vor
kommende S. wird durch Destillation der Schwe
felerze gewonnen, meist in Rimini raffiniert und
von dort aus versandt. Die Schwefelbrüche an
der Westküste des Roten Meeres gehören einer
Gesellschaft und finden sich in den schroffen
Gipsfelsen, die den Küstensaum bilden. In
neuerer Zeit sind auch auf Island gewaltige
Schwefellager gefunden worden. Kleinere Men
gen werden ferner in Schweden, Frankreich und
Böhmen durch Destillation von Schwefelkiesen
aus tönernen oder eisernen Retorten gewonnen,
doch scheidet sich bei der Verarbeitung von
Eisenkiesen nur ein Teil des S. ab, während der
Rest als Röstrückstand in den Retorten verbleibt
und zur Gewinnung von Eisenvitriol benutzt
wird. Die Schwefelerzeugung aus Kiesen lohnt
sich übrigens nur dann, wenn das Brennmaterial
billig zu beschaffen ist. In Swoszowice bei Kra
kau wird der S., der sich dort in erdigem Zu
stande in Mergel eingelagert findet, mit Schwe
felkohlenstoff extrahiert und letzterer
durch Abdestillieren immer wieder gewonnen,
so daß die Herstellungskosten dieses' sehr reinen
S. ziemlich niedrige sind. Der Swoszowicer S.
führt den Namen Extraktiohsschwefe 1.
Eine nicht unbedeutende Menge von S. wird
endlich auch aus den Abfällen der Soda
fabrik en, die neben kohlensaurem Kalk Na-
diumsulfid und Kalziumsulfid enthalten, als sog.
regenerierter (Retour-) S. gewonnen.—Der ge
wöhnliche S. stellt einen gelben, spröden Kör
per vom Atomgewicht S = 32 dar, welcher in
Wasser unlöslich, in Alkohol und Äther etwas
löslich ist. In reinem Zustande hat er weder
Geruch noch Geschmack und ist ohne, Ein
wirkung gegen Lackmus. Bei 114 0 schmilzt der
gewöhnliche S. zu einer hellgelben, dünnen
Flüssigkeit, bei etwa 160 0 wird er braun und
z ähflüssig, bei 250 0 dunkelbraun und so dick
flüssig, daß er beim Umkehren des Gefäßes
rücht ausfließt. Bei noch stärkerem Erhitzen
Wird er wieder dünnflüssiger, aber nicht heller,
u nd bei 448° beginnt er zu sieden und verwan
delt sich in einen bräunlichgelben Dampf. Der
kommt in mehreren Modifikationen, sowohl
lr n kristallisierten als auch im amorphen Zu
stande, vor. Kristallisiert findet er sich als
Rhombischer oder oktaedrischer S. sowohl
fertig g e bildet in der Natur als auch ausgeschie
den aus einer Schwefelkohlenstofflösung, und
jds monokliner oder prismatischer S. in
bfäunlichgelben Prismen, die sich beim lang
et ercks Wareulexikon.
samen Erkalten des geschmolzenen S. bilden.
Sowohl der rhombische wie der monokline S
lösen sich leicht in Schwefelkohlenstoff. Auch
im amorphen Zustande findet sich der S. in
mehreren Modifikationen: Der zähe oder pla
stische S. wird als braune, elastische Masse
erhalten, wenn man S. auf 250 0 erhitzt und die
geschmolzene Masse in einem dünnen Strahle
in kaltes Wasser gießt. Der pulverige, in
Schwefelkohlenstoff unlösliche S. bildet
den Hauptbestandteil der Schwefelblumen und
stellt ein gelbes, lockeres Pulver dar. Der pul
verige, in Schwefelkohlenstoff lösliche
S. oder die Schwefelmilch entsteht bei der
Zerlegung der Polysulfide durch Salzsäure und
bildet ein gelblichweißes Pulver. — Wird S. an
der Luft erhitzt, so verbrennt er mit blauer
Flamme zu schwefliger Säure, einem eigentüm
lich stechend riechenden Gase. Durch Einwir
kung von Salpetersäure, Salzsäure und Königs
wasser verwandelt er sich in Schwefelsäure.
Konzentrierte Schwefelsäure löst den S. in der
Wärme unter Entwicklung von schwefliger
Säure, ebenso lösen ihn Laugen in der Wärme
auf, wobei sich Polysulfide und unterschweflig
saure Salze bilden. Um S. in einem Körper
nachzuweisen, schmilzt man ihn, mit Soda ge
mischt, auf Holzkohle, bringt die Schmelze auf
eine blanke Silbermünze und befeuchtet mit
Wasser, worauf bei Anwesenheit von S. ein
brauner Fleck von Schwefelsilber entsteht (He-
parreaktion). — Im Handel unterscheidet man
Stangenschwefel, Schwefelblumen, gereinigten
S., präzipitierten S. und grauen S. Die ersteren
beiden bilden den gewöhnlichen S. und ent
halten außer geringen Mengen anderer zufälli
ger Verunreinigungen noch Spuren Arsen und
Selen sowie als unvermeidliche Folge teilweiser
Oxydation beim Raffinieren schweflige Säure
bzw. Schwefelsäure. — Der Stangenschwe
fel (lat. Sulfur in baculis, frz. Soufre en canons,
engl. Canes of Sulphur) kommt in gelben,
glänzenden, runden Stücken von 5—8 cm Durch
messer und kristallinischem Gefüge in den Han
del. — Die Schwefelblumen (lat. Flores sul
furis, Sulfur sublimatum, frz. Soufre sublime,
Fleurs de Soufre, engl. Sublimed Sulphur, Flo
wers of Sulphur) stellen ein Gemenge aus wenig
kristallinischem und viel amorphem S. dar und
bilden ein säuerlich schmeckendes gelbes Pul
ver. Sie dürfen für den innerlichen Gebrauch
medizinisch nicht verwendet werden, sondern
nur im gereinigten Zustande als sog. ge
waschener oder gereinigter S. (lat. Sulfur
depuratum, Sulfur lotum, frz. Soufre lavö, engl.
Washed sulphur). Diese Reinigung erfolgt durch
Behandlung mit verdünntem Ammoniak und
nachfolgendes Waschen mit Wasser, wobei vor
handene Schwefelsäure gebunden und Arsen
gelöst wird. Der gereinigte S. ist ein gelbes,
geruch- und geschmackloses Pulver von neu
traler Reaktion. Der präzipitierte S., Schwe
felmilch (lat. Sulfur praecipitatum, Lac sul
furis, frz. Lait de soufre, engl. Milk of sulphur)
ist höchst fein zerteilter, fast weißer S. Zu
seiner Darstellung wird gereinigter S. mit frisch
bereiteter Kuhmilch bis zur Auflösung gekocht
und zu der gelbbraunen Flüssigkeit, die neben
unterschwefligsaurem Kalk Fünffach-Schwefel
26