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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Freiheit würdig wird. Sie proklamieren die Herrschaft der Vernunft,
die allein erst die Menschen in der ganzen Bedeutung des Wortes
frei machen wird. Nachdem Soeel erklärt hat, daß die „neue Schule
sich schnell von dem offiziellen Sozialismus geschieden hat, indem
sie die Notwendigkeit anerkennt, die Sitten zu verbessern“, fügt er
an: „Ich erhebe durchaus keinen Widerspruch, wenn man mich von
diesem Gesichtspunkt aus ,anarchisierend‘ nennt“ *).
Schließlich ist auch ihr soziales und politisches Ideal das gleiche:
die Abschaffung des Eigentums und des Staates. Der Syndikalismus
haßt den Staat genau so wie der Anarchismus. „Er sieht im Staat“,
sagt uns einer seiner Anhänger, „den Schmarotzer par excellence,
den Unproduktiven, der sich auf dem Produktiven häuslich ein
gerichtet hat und von seinem Lebensmark zehrt“ l 2 3 * ); und für Sokel
ist „der Sozialismus zu einem vorbereitenden Unterricht der von der
Großindustrie beschäftigten großen Massen geworden, die den Staat
und das Eigentum abschafien wollen“ 8 ). Die freien Produzenten, die
in einer Werkstatt ohne Herren arbeiten“ '*), dies ist, immer nach
Soeel, das Ideal des Syndikalismus. Daher findet sich auch bei
beiden die gleiche Feindschaft gegen die herrschende Demokratie,
die sich auf die Macht des Staates stützt.
Trotz so vieler Berührungspunkte bewahren die beiden Auf
fassungen doch ihre Verschiedenheiten. Der Anarchismus hat Ver
trauen in die selbsttätige Macht der allgemeinen Freiheit, die
Gesellschaft zu erneuern. Der Syndikalismus dagegen stützt sich
auf ein besonderes und klar bezeichnetes Instrument: die Arbeiter-
Gewerkschaft, die als Hauptwerkzeug im Kampf der Klassen be
trachtet wird. Auf dieser Grundlage errichtet er das Ideal einer
Gesellschaft von Produzenten, die sich auf die Arbeit gründet, und
aus der der Intellektualismus verbannt ist, — während der Anarchis
mus sich in dem Zukunftsbild einer Gesellschaft gefällt, deren Natur
die Syndikalisten für ebenso chimärisch wie gefährlich halten.
Es war indessen nicht überflüssig, die zwischen den beiden
Ideenströmungen bestehende, sehr bezeichnende Ähnlichkeit hervor
zuheben, denn diese Ideen haben in den letzten fünfzehn Jahren den
tiefsten Einfluß auf die Arbeiterklasse ausgeübt, und beide bezeichnen
ein charakteristisches Wiedererwachen des Individualismus.
l ) Äeflexions sur la yiolence, S. 218.
*) Bbeth, Les nouyeaux aspects du sooialisnie, S. 3.
3 J Refleot'ions sur la yiolence, Einleitung, S. 37.
J ) Ebenda, S. 237.