59
*
richtung moderner Verkehrsmittel, zweitens die Ausbildung der
Kreditanstalten.
'Nach einem gewissen Stillstand in der Mitte der 80er Jahre
trat aber mehr und mehr die Frage der gewerblichen Entwicklung
in den Vordergrund. Den Anforderungen des Lebens gemäß war
endlich auch die russische Bureaukratie gezwungen, Mittel zu suchen,
um die Produktivkräfte Rußlands zu entwickeln. Die Frage erschien
für sie zuerst als rein fiskalische. Die Staatsausgaben nahmen immer
zu, und man mußte Mittel suchen, um die Staatseinnahmen zu ver
mehren. Als ein solches Mittel erschien zuerst die Zollerhöhung,
die schon seit Ende der 70er Jahre in Anwendung kam. Allmählich
ging aber der Staat zur systematischen Protektionspolitik über.
Eine der wichtigsten Ursachen dieses Überganges war die immer
mehr wachsende Überzeugung, daß für die weitere Existenz des
Staates eine breitere Basis notwendig sei, als die bisherige. Die von
Zeit zu Zeit wiederkehrenden Hungersnöte zeigten klar, daß das
Bauerntum unfähig war, die immer mehr steigende Last der Staats
ausgaben allein zu tragen. Man wollte das finanzielle Problem durch
die industrielle Entwicklung des Landes lösen, und der Staat ging
zum systematischen Protektionismus über. Er strebte danach, möglichst
günstige Produktionsverhältnisse für die verschiedenen Industriezweige
zu schaffen. Anstatt der früheren fiskalischen trat jetzt die protek
tionistische Zollpolitik auf. Der Staat nahm dann seit Ende der
80er Jahre die weitere Ausdehnung des Eisenbahnnetzes in die Hände,
und das gab ihm eine mächtige Handhabe, in die Entwicklung der
Industrie einzugreifen. Ein weiterer Schritt waren die Bemühungen
der Regierung, ausländische Kapitalien ins Land zu ziehen, was
wegen des schwach entwickelten heimischen Geldmarktes notwendig
erschien. Damit hing die Frage der Abschaffung der Papierwährung
zusammen, weil die letztere der Kapitaleinwanderung große Hinder
nisse in den Weg legte. Im Jahre 1896 wurde die Goldwährung
eingeführt. Der Staat bemühte sich, nicht nur möglichst günstige
Bedingungen für die Industrie zu schaffen, sondern er griff auch
selbst als unmittelbarer Helfershelfer der Gründungstätigkeit ein.
Hauptsächlich geschah dies Eingreifen vermittelst der Reichsbank,
zu welchem Zwecke im Jahre 1894 selbst die Statuten der Bank
verändert wurden. Sie wurde jetzt zum Regulator des industriellen
Lebens bestimmt. Im Zusammenhang damit entwickelte sich das
System der unmittelbaren Unterstützung der verschiedenen Gewerbe
unternehmungen — ein Ersatz des alten Prämiensystems 1 .
1 So wurde bis zum Jahre 1902 nach den Angaben der Reichskontrolle
aus der Staatskasse über 100 Millionen Rubel außerordentlicher Anleihen der
verschiedenen Gewerbeunternehmungen ausgegeben. Migulin, Die Reform
des Geldverkehrs und die Produktionskrisis (1893—1902), Charkow 1903 (russisch).