Full text: Die Eisenindustrie in Südrußland

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richtung moderner Verkehrsmittel, zweitens die Ausbildung der 
Kreditanstalten. 
'Nach einem gewissen Stillstand in der Mitte der 80er Jahre 
trat aber mehr und mehr die Frage der gewerblichen Entwicklung 
in den Vordergrund. Den Anforderungen des Lebens gemäß war 
endlich auch die russische Bureaukratie gezwungen, Mittel zu suchen, 
um die Produktivkräfte Rußlands zu entwickeln. Die Frage erschien 
für sie zuerst als rein fiskalische. Die Staatsausgaben nahmen immer 
zu, und man mußte Mittel suchen, um die Staatseinnahmen zu ver 
mehren. Als ein solches Mittel erschien zuerst die Zollerhöhung, 
die schon seit Ende der 70er Jahre in Anwendung kam. Allmählich 
ging aber der Staat zur systematischen Protektionspolitik über. 
Eine der wichtigsten Ursachen dieses Überganges war die immer 
mehr wachsende Überzeugung, daß für die weitere Existenz des 
Staates eine breitere Basis notwendig sei, als die bisherige. Die von 
Zeit zu Zeit wiederkehrenden Hungersnöte zeigten klar, daß das 
Bauerntum unfähig war, die immer mehr steigende Last der Staats 
ausgaben allein zu tragen. Man wollte das finanzielle Problem durch 
die industrielle Entwicklung des Landes lösen, und der Staat ging 
zum systematischen Protektionismus über. Er strebte danach, möglichst 
günstige Produktionsverhältnisse für die verschiedenen Industriezweige 
zu schaffen. Anstatt der früheren fiskalischen trat jetzt die protek 
tionistische Zollpolitik auf. Der Staat nahm dann seit Ende der 
80er Jahre die weitere Ausdehnung des Eisenbahnnetzes in die Hände, 
und das gab ihm eine mächtige Handhabe, in die Entwicklung der 
Industrie einzugreifen. Ein weiterer Schritt waren die Bemühungen 
der Regierung, ausländische Kapitalien ins Land zu ziehen, was 
wegen des schwach entwickelten heimischen Geldmarktes notwendig 
erschien. Damit hing die Frage der Abschaffung der Papierwährung 
zusammen, weil die letztere der Kapitaleinwanderung große Hinder 
nisse in den Weg legte. Im Jahre 1896 wurde die Goldwährung 
eingeführt. Der Staat bemühte sich, nicht nur möglichst günstige 
Bedingungen für die Industrie zu schaffen, sondern er griff auch 
selbst als unmittelbarer Helfershelfer der Gründungstätigkeit ein. 
Hauptsächlich geschah dies Eingreifen vermittelst der Reichsbank, 
zu welchem Zwecke im Jahre 1894 selbst die Statuten der Bank 
verändert wurden. Sie wurde jetzt zum Regulator des industriellen 
Lebens bestimmt. Im Zusammenhang damit entwickelte sich das 
System der unmittelbaren Unterstützung der verschiedenen Gewerbe 
unternehmungen — ein Ersatz des alten Prämiensystems 1 . 
1 So wurde bis zum Jahre 1902 nach den Angaben der Reichskontrolle 
aus der Staatskasse über 100 Millionen Rubel außerordentlicher Anleihen der 
verschiedenen Gewerbeunternehmungen ausgegeben. Migulin, Die Reform 
des Geldverkehrs und die Produktionskrisis (1893—1902), Charkow 1903 (russisch).
	        
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