1011) Beurteilung unserer nächsten socialen Zukunft. 553
glücklich verlaufe, ob die inneren Kämpfe das Land so schwächen, daß es zurückgehe oder
gar Beute fremder Eroberer werde, ob die sociale Versöhnung gelinge, ob die großen
Staatsmänner und Parteiführer erscheinen, die, die Leidenschaften des Tages beherrschend,
neutralisierend, abdämpfend, sie herbeizuführen im stande seien.
b) Dies führt uns auf die zweite der aufgeworfenen Fragen, auf die, wie die
heute vorhandenen socialen Spannungen und Kaͤmpfe verlaufen werden. Eine sichere
Antwort ist darauf weder für das einzelne Land, noch für unsere ganze heutige Kultur—
welt zu geben. Aber einige Wahrscheinlichkeiten wird man doch aussprechen können,
hauptfächlich über den Kampf des Proletariats, der Socialdemokratie mit den oberen
Klassen, speciell den Unternehmern, dann auch mit den bestehenden Regierungen, wenigstens
über seinen Verlauf in den nächsten Jahrzehnten.
Wir haben heute noch mancherlei Stimmen, welche in der Entstehung der social—
demokratischen Partei nur ein Unglück und eine Verirrung, in ihrem möglichen Siege
das Ende aller höheren Civilisation, den Rückfall in die Barbarei sehen. Sie wollen
ieber heute als morgen die Socialdemokratie, ihre Presse und Organisation gewaltsam
anterdrücken, das allgemeine Stimmrecht aufheben, im Sinne der Scharfmacher, des
Broßkapitals und des Großgrundbesitzes regieren. Jede brutale Revolution der Arbeiter
könnte heute bei uns, wie anderwärts eine solche Reaktion erzeugen; sie könnte aber
auch leicht die Blüte unserer Volkswirtschaft vernichten. Ohne provozierende Revolution
von unten wäre eine solche Reaktion im Staate der allgemeinen Schulpflicht und der
allgemeinen Wehrpflicht, in einem Staate, der fast 40 Jahre das allgemeine Wahlrecht
gehabt, ein frivoles und falsches Experiment. Die Vorstellung, daß die ganze politische
und berufliche Organisation der Arbeiter ein Übel sei, verkennt, daß man die von unten
aufsteigenden Klassen, wie einst die Zunftmeister, später die Gesellen, nur durch solche
Organsationen vernünftig machen und erziehen kann, daß sie nur hierdurch Führer
bekommen, denen sie gehorchen, die mit der Staatsgewalt und den übrigen Klassen wenn
nicht schon heute, so doch künftig unterhandeln. Es giebt nur eine Wahl: entweder man
drückt die ganze Arbeiterwelt wieder auf das Niveau von rechtlosen Sklaven und Hörigen
herab, und das ist unmöglich, oder man erkennt sie als gleichberechtigte Staatsbürger an,
hebt ihre geistige und technische Bildung, läßt sie sich dann aber auch organisieren, räumt
ihnen den Einfluß ein, den sie brauchen, um ihre Interessen zu wahren. Wir dürfen
auch nicht vergessen, daß nur diese Organisation der Arbeiter die Regierenden und die
Besitzenden so nachdrücklich an ihre socialen Pflichten erinnerte, daß eine ernste Social—
reform in Angriff genommen wurde; die sich geltend machenden Stimmen der Wissen—
schaft, der Kirche, der Humanität waren in den Tagen des Tanzes um das goldene
Kalb viel zu schwach. die selbstbewußte Organisation des Arbeiterstandes an sich ist
der Ausdruck der weltgeschichtlichen Thatsache, daß die Menschheit eine Kulturhöhe
erreicht hat wie nie früher, eine Kulturhöhe, die auch die unteren Klassen nicht mehr
zum pasfiven Fußgestell der oberen, sondern zu einem selbstbewußten aktiven Gliede des
Gesamtorganismus machen will und kann.
Gottlob werden die Stimmen der reaktionären Heißsporne immer seltener; man
hört immer seltener die harten Entrüstungsworte über die Partei des Umsturzes, die
Rotte der Elenden und Ahnliches. Große Staatsmänner wie Bismarck und alle
ruhigen Beobachter haben längst von dem berechtigten Kern der socialdemokratischen
Forderungen gesprochen. Andere Staaten, zumal die mit stärkerer Demokratifierung
hrer Staatseinrichtungen, haben seit Jahren begonnen, Kompromisse mit den Arbeiter—⸗
organisationen einzugehen, haben Arbeitervertreter in die Regierung gerufen.
Ein Teil derer, die Gleiches für Deutschland fordern, glauben einen guten Aus—
zgang prophezeien zu können, auf Grund der Veränderung, die innexhalb der social—
demokratischen Partei sich heute schon vollzogen habe. Gewiß ist die Überzeugung der
Führer seit dem kommunistischen Manifest von 1848, ist auch die Partei selber schon
eine andere, gemäßigtere geworden. Die Partei hat in Deutschland 1891 scheinbar
ganz die Marxistischen Principien anerkannt, und doch hat gerade seither Engels (1895)
den hlutigen Revolutionsgedanken widerrufen; ihre wissenschaftlich gebildeten Führer