2. Märkte und Messen im Mittelalter und in der neueren Zeit. 219
Volksbelustigung dienten. Am natürlichsten empfehlen sich zwei solche Märkte für
jedes Jahr, weil sich die Kleidungsstücke und auch die meisten Geräte in sommerliche
und winterliche gruppieren, — also Frühlings- und Herbstmarkt; im hohen Norden,
wo diese Jahreszeiten unfahrbar sind, Märkte in der Mitte des Sommers und
Winters. Von den Jahrmärkten unterscheiden sich die M e s s e n — diese Blüte des
ganzen mittelalterlichen Verkehrs — nur durch den zahlreicheren Besuch und den groß
artigeren Zuschnitt des Verkehrs. Auch ihre Bedeutung liegt für das Mittelalter
wesentlich in der Handelsfreiheit, die sie während ihrer Dauer den Kaufleuten ge
währten. Sie dienten wohl dem internationalen wie dem Binnenhandel und konnten
dem Käufer einen Reichtum der Auswahl, dem Verkäufer eine lebendige Kenntnis
vom Bedarfs und Geschmacke des Publikums verschaffen, wie es im Mittelalter auf
keine andere Weife möglich war. In Sibirien gehen ohne Zwang noch jetzt Tücher,
die zu Iekaterinburg verfertigt sind, nach Tobolsk über die Messe von Nischnei-
Nowgorod. Und um 1790 hielten die Leipziger den russischen Besuch ihrer Messen
schon dadurch für gesichert, weil die meisten russischen Kaufleute zur ordentlichen
Korrespondenz, Buchführung rc. unfähig waren. Die Staatsprivilegierung der Messen
bestand gewöhnlich, außer gewissen Zollfreiheiten und einer besonders fachmännischen
und prompten Justiz, in einem Stapelrechte, sowie in dem Versprechen, daß man
die Meßgäste während der Messe keinem Personal- oder Güterarreste wegen früherer
Verbindlichkeiten unterwerfen wollte. Das meiste natürlich mußte der Meßplatz selber
tun, um seinen Gästen das Gefühl der Sicherheit und des kaufmännischen und
persönlichen Behagens zu verschaffen. Zu den heilsamen Wirkungen der Messen
ist auf niederer Kulturstufe namentlich auch das kräftige Standesbewußtsein und die
gesteigerte soziale Bedeutung zu rechnen, welche der Kaufmannschaft eines großen
Gebietes durch solche periodische Zusammenkünfte zuwachsen mußte. Die eigen
tümlich gute Organisation des deutschen Buchhandels steht in engster Verbindung
mit dem Meßleben Frankfurts und Leipzigs. Wo sich der Warengroßhandel noch in
die Messen zusammendrängt, da pflegt auch der Kapitalverkehr, die Verzinsung, Rück
zahlung und Wiederanlegung der Leihkapitalien des ganzen Landes hiermit ver
bunden zu sein: offenbar mit ebensoviel Geldersparnis wie Krediterleichterung. Die
Messen mußten aufhören, seit der Verkehr derartig stieg, daß er ausreichte, um ge
wissermaßen das ganze Jahr hindurch einen großen ununterbrochenen Markt unter
halten zu können. Mit der Entwickelung des modernen Transportwesens schrumpfen
sie allmählich von selbst ein und werden durch Musterlager, Handelsmuseen und
Spezialmärkte ersetzt, indem man nicht mehr die besichtigte Ware kauft, sondern nach
Mustern derselben handelt.
Die Notwendigkeit der Wochenmärkte hört auf, sobald ein täglicher
Kauf und Verkauf der betreffenden Waren möglich wird. Ebenso muß die Be
schränkung des Verkehrs auf einen einzigen Platz lästig werden, sobald das Wachs
tum der Stadt eine gewisse Grenze überschreitet. Hier die früheren Schranken des
Hökergewerbes fortdauern zu lasten, wäre um so törichter, als die berufsmäßige
Vermittelung zwischen Produktion und Konsumtion beiden Teilen eine Menge von
Mühen und Zeitverlusten erspart, die gerade auf hoher Kulturstufe immer schwerer
wiegen. Für eine große Stadt kann ja die unmittelbare Zufuhr der nahe wohnenden
Landwirte gar nicht ausreichen. Hier würde jeder Marktzwang namentlich auch das
ärgste Schwanken der Preise bewirken. Das Preußische Edikt von 1810 schaffte für
die Märkte das Vorkaufrecht einzelner Klaffen ab, hielt aber für die Markttage das
Verbot des Vor- und Aufkaufens außerhalb des Marktes fest. Die Gewerbeordnung
von 1845 milderte auch dies, und die Reichsgewerbeordnung ignoriert es ganz. —
Die Krammärkte haben von ihrer früheren Bedeutung namentlich infolge der Ge
werbefreiheit und neuern Transportverbesterung eingebüßt. Es ist bezeichnend, wie