Metadata : Neueste Zeit (Abt. 3)

562 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.

die Zustimmung aller Fürsten und freien Städte gefunden hatte,
nicht versagen, mit wie viel Bedenken auch immer er in seinem rein
altpreußischen Wesen die Aussicht auf die neue Würde begleitete.
Nachdem aber sein Wille zur Annahme bekanntgeworden war,
regte sich auch der norddeutsche Reichstag. Eine Deputation
von dreißig seiner Mitglieder, an der Spitze Simson, der
Präsident der Nationalversammlung von 1848, begab sich nach
Versailles, um den König zu begrüßen und zu beglückwünschen.
König Wilhelm empfing sie am 18. Dezember 1870 und er—
klärte, er werde vom 1. Januar 1871 ab die neue Würde, die
Volk und Fürsten vereint ihm angeboten, annehmen.
Am 18. Januar erfolgte dann die feierliche Proklamation des
Kaisertums im Spiegelsaale des Versailler Schlosses, von dessen
Wänden jene Bilder aus der Zeit Ludwigs XIV. herabsehen, die
französische Triumphe vornehmlich über deutsche Heere verherr⸗
lichen; es war hundertundsiebzig Jahre nach der Erwerbung der
Königswürde durch die Hohenzollern. Nach kurzem Gottesdienst
schritt der greise König der Bühne des Saales zu, erklärte bewegten
Tones, daß er den neuen Titel annehme und befahl dem Reichs⸗
kanzler, seine darüber aufgesetzte Willensmeinung zu verlesen. Die
von Bismarck verfaßte Urkunde war im Sinne eines Aufrufes
an das deutsche Volk gehalten: „Wir übernehmen die kaiserliche
Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in deutscher Treue die
Rechte des Reiches und seiner Glieder zu schützen, den Frieden
zu wahren, die Unabhängigkeit Deutschlands zu stützen und die
Kraft des Volkes zu stärken ... Uns aber und unseren Nach—
folgern in der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer
des Deutschen Reiches zu sein, nicht in kriegerischen Eroberungen,
sondern in den Werken des Friedens auf dem Gebiet nationaler
Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung!“
Der Kaiserproklamation folgte der Abschluß des Krieges
mit Frankreich, die Heimkehr nach Berlin unter dem unbeschreib—
lichsten Jubel des Volkes und, zum vollendeten Symbol der
wiederhergestellten Einheit des größten Teils der Nation, die
Eröffnung des ersten deutschen Reichstags.
Die Wahlen, die am 3. März 1871 getätigt worden waren,
            
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