6. Kapitel
Das Geld als Hilfsmittel
des Tausches
Statt vom Tauschen, sprechen wir heute gemeinhin
nur vom Kaufen, verkaufen und Bezahlen, und weil
diese Dinge uns etwas Alltägliches find, so halten wir
es nicht für der Mühe wert, sie auf ihr Wesen hin zu
prüfen, wir sprechen vom Tauschhandel, wie er sich
in fernen, noch unerschlossenen Weltteilen vollzieht,
als von etwas uns Fremdem, Eigentümlichem; und doch
ist aller Handel, jedes Geschäft, das nationale wie das
internationale, heute genau so gut ein Tausch, wie
jener primitive Tausch zwischen Europäern und wilden,
oder wie der Tauschhandel unserer Vorväter vor tausend
Jahren.
Hier hat selbst ein Denker, wie Marx, Zchiffbruch
gelitten. Er anerkennt wohl den Tharakter des Tau
sches bei den internationalen Beziehungen der Völker,
sieht aber den Prozeß des Kausens, verkaufens und
Bezahlens innerhalb eines volksganzen als etwas
wesentlich vom Tausche verschiedenes an.
Ts kann nie genug wiederholt werden, daß die
wirtschaftliche Entwicklung keine Sprünge macht,' eben
sowenig wie die Natur. Ebenso sicher, wie der erste
Handel der Menschheit Tauschhandel war, ist er es
ņoch heute, er hat wohl seine Form, aber nicht sein
iDesen geändert. Nosen bleiben Rosen, und wenn
sie so verschieden aussehen wie eine Heckenrose und
eine Gloire de Dijon, aber nie werden plötzlich Li-
lien daraus.
Pohlman, Laienbrevier. 145 10